Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 134)
- Language
- German
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74 Im neunzehnten Jahrhundert hat sich denn auch die Ueberzeugung von Lippolds Unschuld allgemeinen durchgesetzt. Nur diejenigen Historiker, die von antisemitischem Hauche berührt sind, rücken Lippold in ein möglichst dunkles Licht und stellen ihn, soweit sie nicht den Glauben an seine Schuld durchblicken lassen, wenigstens als einen argen Blutsauger und Wucherer hin, der sein grausames Schicksal vollauf verdient habe. Zu diesen Historikern gehören vor allem Brecht und Schwebe 1, die mehrfach von uns erwähnten. Brechts Aufsatz ״der Tod des Kurfürsten Joachim H. im Schlosse zu Köpenick, und seine Folgen für die Berliner Judenschaft“ (״der Bär“ Jahrg. 1875) fusst auf aktenmässigem Material. Sogar die ״Urgicht“ war Brecht zugänglich gewesen 1). Wenn Brecht aber meint, das Schicksal Lippolds sei bis zu seiner Zeit aus Mangel authentischer Nachrichen in einer Weise geschildert worden, welche von dem aktenmässigen Material in vielen Stücken abweiche, so muss man bedenken, dass z. B. Möhsens Schilderung durchaus auf den Urkünden aufgebaut ist und dennoch zu einem für Lippold günstigen Resultate gelangt. Es kommt eben auf die Schlüsse an, die man aus den Urkunden zieht.* Ein vorurteilsloser Forscher wird eine Gestalt wie Lippold vor allem auf psychologischer Grundläge und dann auf dem Hintergründe der Zeitverhältnisse betrachten. Und da wird ihm Lippold zwar als ein hässlicher Charakter erscheinen, aber auch als das unglückliche und unschuldige Opfer einer verblendeten Zeit. Brecht ist bestrebt, Lippold wirklich als den Mörder des Kurfürsten erscheinen zu lassen. Darum schaltet er bei den Geständnissen Lippolds die Folter aus und hat kein Gefühl dafür, dass, wie wir hervorhoben, die Furcht vor der Folter die Wahrheit einer Aussage ebenso beeinflussen konnte, wie die Folter selbst. Es sind besonders zwei Aeusserungen bei Brecht, die seine voreingenommene l) Doch waren Brecht wichtige Urkunden entgangen, wie die Klage׳ Schrift der märkischen Juden, die Brecht für die Tendenz seines Aufsatzes eine willkommmene Ausbeute geboten hätte. Auch der anonyme Entwurf Jenes Schreibens, das gleich nach Joachims Tode auf Lippold den Verdacht des Giftmordes hinlenken wollte (s. oben S. 40), scheint Brecht, trotzdem es zusammen mit der von ihm benutzten Urgicht im Kgl. Hausarchiv zu Charlottenburg liegt, entgangen zu sein.