Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 123)
- Language
- German
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68 Stellen mit glühenden Zangen gerissen. Auf dem heuen Markt, derselben Stelle, auf der heute das Luther« denkmal den Triumph der Religion der Liebe verkündet, fand sodann die eigentliche Hinrichtung statt. Lippold wurde ״mit vier Stössen geradert“, d. h. es wurden ihm mit einem Rade die beiden Beine und die beiden Arme zerstossen, dann wurde er auf einen Tisch gelegt, die ״Virilia“ abgeschnitten, Bauch und Brust mit einem Beil aufgehauen, das Herz ihm ״aufs Maul geschlagen“, der Kopf abgeschnitten. Die Eingeweide, die man zuerst in einen Zuber geworfen, wurden zusammen mit dem Zauberbuch auf der Stelle verbrannt. Eine grosse Maus, die aus dem Feuer hervorlief und in der man den Teufel sah, nahm den Zuschauern den letzten Zweifel an Lippolds Schuld 1). Die einzelnen Körperteile Lippolds wurden an die Strassen auf Galgen aufgehängt. Den Kopf steckte man auf die Spitze des Sankt Georgentores. Mit Lippolds Hinrichtung war jedoch der Hass des Volkes und der Zorn des Kurfürsten noch nicht gekühlt. Gleichwie bald nach Joachims Tode die Volkswut sich gegen alle Berliner Juden geltend machte, so sollten auch jetzt mit Lippold zusammen auch seine Glaubensbrüder büssen. Es erging ein allgemeiner Ausweisungsbefehl gegen die Juden in der ganzen Mark, wie er im Jahre 1510 nach der Hinrichtung der 88 Märtyrer schon einmal ergangen war. Und genau wie damals den Ausgewiesenen eine Verfolgung der verbrieften Forderungen gegen ihre Schuldner abgeschnitten war2), so wurde auch jetzt wieder wenigstens den Berliner Juden die Möglichkeit genommen, etwas von dem zurückzuerhalten, was ihnen an Pfandstücken bei 1) Die Geschichte von der Maus erzählt zuerst B ׳A., (s. Beilage XU): ״Do solches eingeweide biss auf die Kole verbrandt, ist von vielen Leuten gesehen, das eine grosse feidtmaus aus den feurigen Kohlen herausge- Sprüngen, unter das Volck so umbhergestanden gelauffen und wiederumb zum Fewer gekerret und darein geblieben sei“. Vgl. auch Hafftiz bei Riedel, D, S. 131. Sehr bezeichnend ist der Bericht, den der Chronist Cernitius hierüber bringt: .... ״in viscerum et libri combustione glirem in tabulata prorepsisse inque ignem ipsum se coniecisse. {udicia hominum non addimus, accepta candide referimus“ (Cernitius: Efectorum Brandenburgicorum eicones, Wittenberg 1626, S. 72). 2) Vgl. Ackermann: Geschichte der Juden in Brandenburg a. H., S.51״