Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3486266-3486279--2608-3488528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
55 dem, was die fragenden Richter ihm in den Mund legten, so verschwindet in diesem neuen Stadium des Prozesses die Anklage des Diebstahls und der Unterschlagung vollkommen. Es tritt auf die Anklage, Zauberei getrieben und den Kur fürstenJoachimll. durch einenGifttrank ermordet zu haben. Beides gestand Lippold unter der Folter zu. Man batte in seinem Besitze tatsächlich ein in hebräischer Sprache verfasstes Zauberbuch gefunden, wohl eines jener kabbalistischen Werke, wie sie im Mittelalter viel verbreitet waren. Lippold sagte aus, seine Tochter habe das Buch erst vor kurzem gekauft 1). Das Delikt der Zauberei hätte vollkommen genügt, Lippold zu verderben. Gleichwohl wurde ihm noch das Delikt des Kurfürstenmordes hinzugefügt, offenbar um der Stimmung des Volkes gerecht zu werden. Die Feinde Lippolds hatten sicherlieh das ihre dazu getan, um die Meinung, Joachims II. schneller Tod sei auf jenen Trunk Wein zurückzuführen, den Lippold ihm vor dem Einschlafen gereicht, im Volke zu verbreiten. Nun griffen die mit der Folter hantierenden Untersuchungsrichter jene Meinung auf, und sie verdichtete sich zu einem formellen Geständnis aus Lippolds Munde. Niemand schien zuerst an den Widersinn einer solchen Beschuldigung zu denken, da doch von dem Leben Joachims II. das Glück und die Stellung Lippolds allein abhingen. Johann Georgs Gesinnung war ihm ja genugsam bekannt. Von ihm konnte er nur Schlimmes erwarten. Wie sollte er da die wahnsinnige Tat begehen, denjenigen vorzeitig aus dem Leben zu räumen, der ihm nur Zeichen des Wohlwollens gegeben und ihm ein so hohes Mass von Vertrauen bewiesen hatte? Niemand, wie gesagt, stellte solche Erwägungen an. Der blinde Hass verlangte das lange ersehnte Opfer. Es ist uns über den weiteren Gang der Untersuchung nur ein einziges Dokument erhalten, aber dieses eine genügt, um uns einen Einblick zu eröffnen einerseits in die hinterlistige Art und Weise, mit der man Lippold die einzelnen Punkte seines Geständnisses entlockte, andererseits in den furchtbaren Wust abergläubischer Vorstellungen, von denen die damalige Welt erfüllt war. Dieses Dokument ist das im königlichen x) Ergibt sich aus dem zweiten Punkt der Urgicht, s. Beilage VII.