Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3486266-3486279--2603-3488523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 stell bei näherer Betrachtung, dass dieser Eindruck ein trügerischer ist. Gewiss, die Fülle der Rechnungen muss überraschen. Aber eine genaue Prüfung zeigt auch dieses von den Historikern hervorgehobene Laster Lippolds in einem anderen Lichte. Einmal ergibt sich, dass ein grosser Teil der eingereichten Rechnungen Dinge betrifft, die erst nach Lippolds Verhaftung von seiner Frau auf Borg entnommen waren. Nun, und dass diese seine Frau, nachdem das Unglück über sie hereingebrochen und das ganze Vermögen ihres verhafteten Mannes mit Beschlag belegt war, in der Not Schulden machte, ist fürwahr begreiflich. Ferner aber dürfen wir einen grossen Teil der eingereichten Rechnungen schon deshalb als verdächtig ansehen, weil die Behörden schon damals gegen viele derselben misstrauisch gewesen zu sein scheinen. Findet sich doch bei den Akten ein Zettel, der den Vermerk ״Incerti creditores״ trägt. Die Versuchung, von dem Gute des verhafteten Juden durch fingierte Forderungen zu profitieren, lag auch zu nahe, als dass nicht mancher von diesem unlauteren Mittel Gebrauch gemacht haben sollte. Die Rückseite einer Rechnung weist auch die nachträglich geschriebenen Worte: ״Klare Schulden״ auf. Hatte man doch schon früher, ehe Lippold verhaftet war, häufig Forderungen an ihn gerichtet, deren unbilliger Charakter auf der Hand lag! So haben wir oben bereits von jenem Franz Blankenfeldt gesprochen, der von Lippold die Bezahlung einer Schuld verlangt, die Lippolds Vater bei Blankenfelds ״Vorfahr״, dem Münzmeister Joachims I., Hermann von Jordenn, gemacht! Oder ein anderes Beispiel: Valtin Deterdt hat Lippolds Stiefmutter eine ״schwarze, seidene atlassene Jacke, mit schwarz Sammt gebrennet“ verkauft. Lippold soll seine Stiefmutter zur Zahlung anhalten! Ja, aus Lippolds eigener Familie heraus ging man ihm zu Leibe. Der Schwiegersohn von Lippolds Bruder, ״Simon, Jude von Prag“ schreibt dem Kurfürsten, er habe auf die Mitgift von Lippold noch 150 Taler zu bekommen, und bittet, der Kurfürst solle dafür sorgen, ״dass ich Armer bezahlt werde“. Kurz, die Gerechtigkeit verlangt, dass auch das Urteil über Lippolds angehäufte Schuldenlast revidiert werde, wie wir so manches andere schon, was Lippold betraf, bei genauerer Betrachtung in einem milderen Lichte gefunden haben, als die Tradition es erscheinen liess.