Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 100)
- Language
- German
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40 In den wenigen Stunden, die zwischen dem Tode Joachims nnd der Verhaftung Lippolds lagen, tauchten bereits ganz im gehei men Versuche auf, Lippold der Ermordung des Kurfürsten zu verdächtigen und Johann Georg zu energischen Eingriffen zu veranlassen, da Lippold mit der Absicht umginge, zu fliehen. Alle Historiker, die über Lippold schreiben, betonen, dass die Verhaftung Lippolds und die Untersuchung gegen ihn lediglich auf Unredlichkeiten in seiner Kassenführung gegründet war und dass der Mordverdacht erst viel später auftauchte. Man mochte offenbar einen so furchtbaren Verdacht ohne klare Beweise nicht zur Grundlage der Untersuchung machen, und in der Tat ist in den offiziellen Prozessakten zunächst nur der Verdacht der Veruntreuung zu finden. Dass aber inoffiziell gegen Lippold auch nach der Richtung des Mordverdachtes hin bereits in den ersten Tagen gehetzt wurde, das beweist ein im kgl. Hausarchiv zu Charlottenburg1) aufbewahrtes Konzept eines anonymen Schreibens, das an den Kurfürsten Johann Georg gerichtet wurde und sich nicht darauf beschränkt, Lippold zu verdächtigen, sondern auch eine V e r - treibung der Juden überhaupt anempfiehlt. Das Schreiben ist vom Jahre 1571 datiert; da es aber von Lippolds Fluchtabsicht spricht, kann es nur aus den Stunden z w i - sehen dem 3. und 4. Januar herrühren. Sein Autor ist nicht genannt. Doch geht man wohl nicht fehl, wenn man Distelmeyer zum mindesten als Inspirator annimmt. In seinen Plan passte die Verdächtigung der Juden vollkommen hinein, und der ganze Ton des Schreibens weist auf einen offiziellen Ratgeber hin. Es wird am Beginne zunächst gegen Lippold die glatte Verdächtigung ausgesprochen, dass er den Kurfürsten ermordet habe. Und zwar sei die Ermordung durch ein Pulver geschehen, welches Lippold dem Kurfürsten des Abends eingab und nach dessen Genuss der Kurfürst nicht mehr als drei Stunden gelebt habe. Dieses Pulver habe Lippold, seiner eigenen Aussage nach, durch einen Juden von Frankfurt erhalten, und da bekannt geworden sei, dass Lippold sich zur Flucht vorbereite, solle der Kurfürst ungesäumt zugreifen, auch in Bezug auf den י) Signatur K, 116 F. G. Siehe den Wortlaut Beilage IV.