Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
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14 Dieterich, dem Vorsteher der Kurfürstlichen Giesshütte, vermählt und war auf dem Giesshause mit dem Kurfürsten bekannt geworden 1). Der Kurfürst fand Gefallen an der schönen Frau und knüpfte Beziehungen zu ihr an, die immer intimer wurden. In י) Ergibt sich aus einem Schreiben, welches Herzog Julius von Braunschweig kurz nach dem Tode Joachims II. an J ohann Georg, den neuen Kurfürsten, richtete. Nach dem Aberglauben der Zeit, der ja auch die Gunst die Lippcld von Joachim erfuhr, auf Zauberei zurückführte, (s. Beilage VII Punkt 23 und 24) führt jenes Schreiben die heftige Zuneigung des Kurfürsten auf einen Zaubertrank zurück, den AnnaSydow dem Fürsten eines Morgens bei nüchternem Magen in einem Eierkuchen (״Eiren pfanninkuchen“) beigebracht haben sollte. Vgl. Zeitschrift des historischen Vereins für Nieder- Sachsen, 1886, S. 326 f. und Märkische Forschungen, XX, S. 173. — Es ist sehr interessant, die Stellungnahme der Chronisten und Historiker zu den ehelichen Entgleisungen Joachims zu beobachten. Leuthinger, der ausführlichste märkische Chronist, verschweigt dieselben gänzlich. Ebenso Hafftiz, Angelus, Garcaeus. Andreas Musculus spielt in seiner 1571 zu Frankfurt a. d. Oder erschienenen ,,Leichpredigt1* mit anerkennenswertem Freimut auf das Treiben Joachims an in den Worten: ״Und ob es wohl an dem, dass an ihrer C. G. Leben und äusserlichem Wandel viel sündlich und sträflich gewesen, welches Ihr G. auch viel und oftmals mit herzlichem Seufzen selbst bekennet und beklaget, und ihrer G. Theologen auch solches in Geheim und Öffentlich gestraft und in dem genugsam einrede gethan —Mit Tadel- Worten nimmt auch der Beelitzer Pfarrer Creusing von Joachims Treiben Notiz, und er ist es, der uns die für die Volksstimmung überaus bezeichnende Geschichte von den Beelitzer Bauern erzählt, die den Kurfürsten ohne Scheu an der Seite der Giesserin und in Begleitung ihrer Kinder zur Jagd reiten sahen und sich gegenseitig fragten: ״Ist das unsres Gnädigen Herrn Unrechte Frau? Sind das seine Unrechten Kinder? Warum darf ers und wir nicht?“ (Schriften des Vereins für Gesch. der Stadt Berlin, Heft 23, S. I67ff.). Schwebel: Geschichte der Stadt Berlin, I, S. 456 lehnt jede Beschonigung des ״landkundigen Aergernisses“ ab, während Holtze: Märkische Forschungen XX, S. 172 den Kurfürsten mit den Begriffen der Zeit zu entschuldigen sucht uod auf die Stellung hinweist, welche Luther zu dieser heiklen Frage einnahm. Holtze tadelt auch die ״kleine und niedrige Gesinnung“, die das Andenken des Kurfürsten mit Kot bewerfe, als ob sie ihn, der bis auf den grossen Kurfürsten der bedeutendsteHohe-nzollernfürst gewesen sei, nur aus ״den kleinen und übertriebenen Skandalgeschichten** zu begreifen imstande wären (Schriften d. V. f. d. Gesch. d. St. B., Heft 23, S. 21). Rücksichtslos in der Verurteilung Joachims ist vor allem Streckfuss: 500 Jahre Berliner Geschichte, Berlin 1886, I, S. 88. Er lässt den Unglücksfall der Kurfürstin schon deshalb nicht als Entschuldigung gelten, weil Joachim II. schon vor demselben ein erklarier Frauenfreund gewesen sei.