Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 385)
- Language
- German
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812 Es liegt hiernächst klar vor, wie der Verein, weit entfernt, dem in der zerreissenden Gegenwart wurzelnden Indifferentismus des Juden durch Belebung und Kräftigung seiner urkundlichen religiösen Vergangenheit und Zukunft, mittelst jener neuen Einrichtung entgegenzuwirken, vielmehr die ewige Bedeutung des Gesetzes, resp. Vergangenheit, geschwächt, wo nicht aufgelöst (״und allen, die nach ihrer Herzens Dünkel wandeln, sagen sie, es ״wird nichts Böses auf euch kommen“. Jerem. 23, 17.), die Er- Wartungen der Zukunft ausgestrichen, und die ästhetisch und rhetorisch aufgeputzte Gegenwart so hoch emporgehoben hat, dass der Prediger seiner erbauten Heerde zurufen mochte: ״Hier ist unser Sion!“ und dieses neue Sion hat dem Indifferentismus, ihm den Rückgang zu Schrift und Gesetz sperrend, einen heuchlerischen Erbauungsmantel umgehangen, auf dass er sich nicht mehr als abtrünnig vor dem alten ehrwürdigen Gesetz schüchtern zu verstecken brauche, sondern dem Judentum höhnisch und frech entgegenrufen mag: Deine Vergangenheit ist veraltet, deine Zukunft kindisch, ich aber, als gereifter klarer Geist, erbaue mich selbst in der fortgeschrittenen Gegenwart, in einem neuen, (nicht mehr Opfer־) Tempel, in dessen adytis der gesunde Menschenwille zeitgemässe Orakel erteilt. Und diese, aus dem Wesen des Vereines deduzierte Ein- Wirkung auf den jüdischen Indifferentismus hat mir eine zwanzigjährige Erfahrung faktisch bestätigt; ich habe keinen Indifferenten gesehen, der durch den Tempelbesuch seinen Indifferentismus gegen das Gesetz abgelegt hätte, wohl aber manchen, der durch diesen Besuch seine Hochachtung gegen das Gesetz verloren, oder gar praktisch indifferent wurde. Darum und weil eben diese langjährige Erfahrung mir das Wirken und Treiben dieses Vereines nicht als ein das religiöse Leben in der Gemeinde förderndes, vielmehr unterminirndes bewährt hat, sehe ich mich im religiösen Interesse der frommen, bis heute durch das neue Treiben, gottlob! noch nicht entwurzelten, grossen jüdischen Gemeinde innigst gedrungen — im Angesichte des allmächtigen lebendigen Gottes Israels, der sein Gesetz in Jakob gesetzt und darin ewig zu verharren geheissen, einer hohen Staatsregierung, die alle ihrer Obhut anvertrauten biblischen Religionszweige in ihrer ursprünglichen Reinheit väterlich wahrt