Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 373)
- Language
- German
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soo dieser Zeit an verkehrten wir durchein halbes Jahr, täglich 4—5 Stunden, bis er, wo er jetzt ist, nach Mainz abreiste. Diesen Geleinten kenne ich nicht blos als solchen, sondern ich kenne ihn auch als Mann überhaupt, in allen seinen Tugenden und Eigenschaften, die nach ihren Würden zu erheben, ich wahrlieh nicht vermag. Als Gelehrter war er nicht allein, was man mir sagte, blos Gesetzeslehrer und Talmudist ohne Gleichen, sondern er kennt überhaupt die ganze jüdische Literatur in einer solchen Tiefe und Umfang, als wäre er der Vater derselben. Zwar bin ich christlicher Theologe nur, indessen, wer mich kennt, weiss auch, dass dessfalls auch über die Theologie der Juden zu urtheilen weiss. Nicht genug aber mit dieser seiner jüdischen Gelehrsamkeit, sondern er verbindet damit auch eine tiefe Ivenntniss in der Welt und Menschengeschichte und Politik überhaupt, in einem solchen Grade, wie ich ihn selten bei Christliehen Gelehrten — nie aber bei einem Juden angetroffen habe. Ich möchte daher mit der Behauptung nicht irren, dass vielleicht das Judenthum — wenigstens meines Wissens — nie einen Mann hatte, der die Zeitverhältnisse unter allen und jeden Umständen, erforschend und erkennend, das Judenthum selbst durch alle Ereignisse vollkommen durchzuführen im Stande wäre, ohne irgend an Verfassung und locale Institutionen zu verstossen, als dies Bernays zu bewirken vermögend wäre. Zu dieser ganz ausserordentlichen Gelehrsamkeit kommen nun hinzu seine Eigenschaften als Mann überhaupt. Ein angenehm ansprechend gefälliges Äussere, von Zuvorkommenheit und anspruchlosem Benehmen und seine Bescheidenheit sichert ihn! allgemeine Achtung bei denen, welche ilm kennen. Seine Frömmigkeit im Glauben giebt ihm eine solche Sittenreinheit, dass, wenn er ja einen Feind haben könnte, dieser nicht frech genug sein würde, ihm einen schwarzen Punkt anzudichten. Mit einem Worte, läge es an mir, aus vielen Menschen die guten Eigenschaften zusammen zu suchen, ich nähme Bernays allein, und ich hätte alles. Sei auch wahr! Jeder Mensch habe Fehler; folglich auch Bernays, sei es, sage ich, wahr, dass er auch die seinen habe, ich aber kenne keine, der ich sie doch gewiss vor jedem Anderen ausgespürt hätte, und in diesem so äusserst wichtigen Fall, gewiss nicht verschwiegen haben würde.