Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 296)
- Language
- German
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224 gebend zu sein braucht; denn ein solches Stimmungswort ist nicht einmal geeignet, uns über Rabbi Nathans eigene Ansicht eine andere Anschauung beizubringen, als wir sie im Hinblick auf andere Aussprüche bereits gewonnen haben. Der Tradent derselben Baraitha im Jeruschalmi ist, wie schon erwähnt, Chanina, der Sohn Gamliels. Auch dieser Tannaite hat, da er in der von Rabbi Jeliudas Schüler Rabbi Chija verfassten Baraitha als Tradent vorkommt und z. B. in der Mischnah Kidduschin 3,4 mit Rabbi Me'ir in Kontroverse stellt, den Barkochba- Krieg oder doch seine schlimmen Folgen selbst miterlebt und da er nach סדר הדורות der Sohn Rabbi Gamliels von Jabneh, also Mitglied des Patriarchenhauses ist, so treffen die beiden für Rabbi Nathan angeführten Momente auch für ihn zu. Als Resultat unserer Untersuchungen können wir nunmehr feststellen: Der Talmud steht hinsichtlich der Beurteilung der Notlüge trotz der rigorosesten Bewertung der Tugend der Wahrhaftigkeit auf dem Standpunkt einer vernünftigen, das Leben und seine Anforderungen berücksichtigenden teleologischen Ethik. In der Schule Schammais sehen wir Vertreter einer rein formalen Moraltheorie; aber auch sie sehen sich gezwungen, ihre rigorose Auffassung mit Rücksicht auf das Zusammenleben und die guten Beziehungen der Menschen unter einander manchmal zu durchbrechen. Diese Feststellungen sind erfreulich; denn sie zeigen uns wiederum an einer tief in das Leben eingreifenden Frage, wie die Lehrer des Judentums, des viel verlästerten Talmuds, nicht jene verknöcherten Menschen sind, als die sie vielfach hingestellt werden, dass sie vielmehr jenen praktischen Blick und jenen realen Sinn fürs Leben besessen haben, der sie befähigte, Lehrer und Vertreter der Tliorah und ihrer Weltanschauung zu sein, die den Anspruch erhebt, das Leben zu gestalten und zu erhalten, das Leben gangbar zu machen : דרכיה דרבי נעם וכל נתיבותיה שלום ״Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit ״und alle ihre Pfade bedeute״!! den Frieden“.