Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 287)
- Language
- German
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215 Leben gerettet!ttU Dieser Vorfall beweist uns, dass Theorie und Praxis im Talmud hinsichtlich der Notlüge zusammenstimmen. So spricht denn auch der Talmud Baba mezia 23 b von einer allgemein feststehenden, von den Weisen beobachteten Praxis bezüglich der Notlüge. Es heisst dort: ״In folgenden drei Dingen pflegen die Weisen ihre Worte zu verändern (d. 11. also eine Notlüge zu sprechen), bezüglich eines Talmud-Traktats, des Bettes (d. h. auf eine Anfrage hinsichtlich delikater ehelicher Angelegenheiten) und bezüglich der Herberge (d. h. des gastfreien Hauses, in dem sie selbstlose Aufnahme gefunden)/ Die Erklärer des Talmuds erläutern diese Punkte folgendermassen: Wenn jemand einen Weisen fragte, ob er den oder den Traktat beherrsche, so pflegte er bei der hohen Bewertung der Tugend der Bescheidenheit auch dann zu verneinen, wenn er ihn wirklich beherrschte. Stellte jemand eine Frage bezüglich seiner ehelichen oder geschlechtlichen Verhältnisse überhaupt (vgl. Raseki und Thosaphoth zur Stelle), so gab er mit Rücksicht auf die Tugend der Zücktigkeit und Schamhaftigkeit eine verneinende Antwort, auch wenn sie nicht der Wahrheit entsprach. Wenn den Weisen unwürdige Menschen fragten, ob er in dem und dem Hause gastfreie Aufnähme gefunden, so fühlte er sich mit Rücksicht auf die Pflicht der Dankbarkeit berechtigt, diese Frage trotz des Bewusstseins des Gegenteils zu verneinen, damit nicht den gastfreundlichen Wirten Verlegenheiten entständen. Die Rücksicht auf die Bescheidenheit, Schamhaftigkeit und Dankbarkeit bewog die talmudischen Weisen in diesen Fällen zu einer Notlüge. Sie wird vom Talmud gebilligt; denn der Talmud bemerkt, dass dieses Abweichen von der Wahrheit kein Hindernis ist, einem Weisen einen Fundgegenstand, den er als den seinigen erkennt und beansprucht, ohne weitere Beweismomente auf sein blosses Erkennen hin zurückzugeben, da seine Wahrheitsliebe feststeht. Thosaphoth zur Stelle wollen diese drei Fälle, was unseres Erachtens nicht ohne Schwierigkeiten geht, auch unter die in Jebamoth 65 b aufgezählten Fälle ״wegen Aufrechterhaltens des Friedens“ subsummieren, um der Schwierig״ keit zu begegnen, dass jedermann, also auch ein Weiser, nicht nur in diesen drei Fällen, sondern immer, wo es sich um Erhaltung des Friedens dreht, eine Notlüge sprechen darf.