Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 286)
- Language
- German
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214 dass es sich hier um Schmeichelei handelt, widerspricht der Ansicht des Rabbi Levi: denn Rabbi Levi sagt: ״Mit welchem Fall kann man die Situation dieses Verses vergleichen? Mit dem eines Menschen, der seinen Genossen zu Tisch eingeladen hat. Der Eingeladene merkt die Absicht, dass es auf seine Ermordung abgesehen ist, und spricht deshalb: Der Geschmack dieser Speise ist wie derjenige der Speise, die ich im Hause des Königs gegessen habe. Da (lenkt der Gastgeber: Der Gast ist also mit dem König bekannt. Er fürchtet sich und tötet ihn nicht.“ Für unsere Beweisführung besteht in der Meinung des Resch Lakisch und Rabbi Levis keine grosse Differenz. Ob die Worte Jakobs den Charakter einer Schmeichelei oder einer Drohung tragen— Esau soll wissen, dass Jakob öfters mit göttlichen Wesen verkehrt: sonst würde er Esaus Gesicht und Mienen nicht damit vergleichen können! — immer sind sie eine Notlüge, die der Talmud im Hinblick auf die von Esaus Seite drohenden Gefahren für erlaubt erklärt. Die Notlüge besteht darin, dass Jakob Esaus Anblick mit dem göttlichen Wesen vergleicht. Einem Menschen gegenüber, der es auf mein Leben abgesehen hat, kann ich eine List anwenden; um mich zu retten, darf ich eine Notlüge sprechen: ihm gegenüber, der sich ausserhalb der Sphäre des Rechts und der Sittlichkeit stellt, gibt es kein Vertrauensverhältnis mehr, dessen Erschütterung durch meine Notlüge befürchtet werden könnte. Dass dabei die talmudischen Lehrer nicht etwa von einer laxen Auffassung erfüllt waren und hinsichtlich der Wahrhaftigkeit ein weitherziges Gewissen hatten, beweist, dass in praktischen Fällen trotz dieser Lehrsätze sich Gewissensbisse einstellten. So wird uns in Nedarim 22 a erzählt: ״Als Ula nach dem heiligen Lande hinaufzog, schlossen sich ihm zwei Männer aus Chuza an. Unterwegs tötete der eine den anderen und fragte dann Ula: ״Habe ich es recht gemacht?“ Der erschreckte Ula sagte: ״Gewiss! Reisse ihm nur die Gurgel auf!“ (Durch diese Zustimmung nach geschehener Tat suchte Ula sein eigenes Leben zu retten). Als Ula aber zu Rabbi Jochanan kam, sprach er: ״Wenn ich mich — Gott behüte! — nur nicht dadurch versündigt habe, dass ich die Hand dieses Sünders gestärkt, d. h. durch meine Zustimmung ihn in seinem Mordhandwerk ermutigt habe.“ Rabbi Jochanan tröstete Ula mit den Worten: ״Du hast dein