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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1907-01-01 · V. 1907 - 5668 (1907) · page 282

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
V. 1907 - 5668 (1907)
Date
1907-01-01
Page
– (sequence 282)
Language
German
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210 die Schule Hilleis dennoch trotz des Bewusstseins des Unzutreffenden, also mit dem Bewusstsein objektiver Unwahrheit, erlaubt, bei jeder Braut, auch der von Natur mangelhaft ausgestatteten, zu sagen: ״Eine liebliche, anmutige Braut!״, worauf gründen sie das Recht zu solchem Widerspruch gegenüber der Wahrheit? Sie berufen sich auf einen, da die Schammaiten nicht darauf erwidern, offenbar auch von diesen nicht bestrittenen Satz der Weisen, dass der Mensch immer bestrebt sein soll, einen angenehmen Verkehr mit seinen Mitmenschen aufrecht zu erhalten, die Menschen nicht vor den Kopf zu stossen, sich in ihre Gefühle hineinzuversetzen, um ihnen nichts Unangenehmes zu sagen. Mit anderen Worten: Die Schule Hillels erlaubt, eine Notlüge zu sagen, um die guten Beziehungen der Menschen unter einander nicht zu stören. Die Schule Hillels steht auf dem Standpunkt der teleologischen Ethik. Eine solcheNotlüge ist harmlos, sie untergräbt kein Vertrauensverhältnis. Es ist etwas anderes, ob ich einem Menschen, bevor er einen Gegenstand kauft, mit dem Bewusstsein der Unrichtigkeit, sage, der Gegenstand sei schön, oder ob ich, nachdem er ihn gekauft hat, weil er ihn schön gefunden, ihm seine harmlose Freude an dem nicht mehr rückgängig zu machenden Kauf durch eine abfällige Kritik zu stören nicht gewillt bin. Eine abfällige Kritik würde entweder von dem Besitzer des Gegenstandes geglaubt werden und ich hätte ihm zwecklos eine beglückende Illusion genommen oder er hielte sie für unzutreffend, für einen Ausfluss der Missgunst und Unfreundlichkeit, und die Folge derselben wäre die Trübung unserer Beziehungen. Und nun gar in dem Falle des Brautpaares könnte ein peinlich gewissenhaft abgemessenes Lob die Liebe des jungen Gatten zu seiner Gattin gefährden, die Zuneigung mindern. Offenbar konnten sich die Schammaiten diesen Folgerungen der Hilleliten nicht ganz entziehen, dasie auf die Worte derBeth Hillel, die den Fall der Braut mit dem Fall des erworbenen Kaufgegenstandes in Vergleich setzen, nicht antworten. Thosaphoth zur Stelle konstruieren den Gedankengang der Schammaiten auf den Einwurf Hillels dahin, dass die Schüler Schammais tatsächlich eine Durchbrechung ihres Prinzips im Leben selber nicht zu umgehen wünschen, dass also auch sie praktisch die Notlüge aus den geschilderten Gründen

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