Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 128)
- Language
- German
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56 schloss sich enger an seine christlichen Freunde an. So zeitigte der Bann nicht die erhoffte Wirkung. Die Rabbiner hatten geglaubt, ihn durch die Ausschliessung aus der Gemeinschaft gefügig zu machen, wie es ihnen bei Uriel Acosta gelungen war, aber Spinoza fühlte sich in der Einsamkeit wohl. Da die Bestrafung ohne den gewünschten Erfolg blieb, eine Verbreitung seiner Ansichten jedoch zu befürchten war, so stellten die Vertreter der Gemeinde beim Magistrat den Antrag, dass auch er gegen Spinoza vorgehe, denn mit dem Leugnen des göttlichen Ursprungs der Bibel habe er auch den christlichen Glauben angegriffen. Die städtischen Behörden unterbreiteten diesen Vorschlag den reformierten Geistliehen, die nach einigen Erwägungen dem Anträge ihre Zustimmung erteilten. Auf behördliche Weisung musste nun Spinoza Amsterdam verlassen1). Einige Zeit verweilte er in Ouderkerk, kehrte dann aber wieder nach Amsterdam zurück, wo er im Hause van der Endes freundliche Aufnahme fand. Um seinem Lehrer nicht zur Last zu fallen, erlernte er das Schleifen optischer Gläser. Er wählte diesen Beruf, da seine Ausübung ihm freie Zeit zu Untersuchungen liess. Von 1660 bis 1663 wohnte er in Rynsburg und nahm dann in Voorburg seinen festen Aufenthalt. Hier vollendete er den ״theologisch-politischen Tractat“ und die rEthik“. Im ersteren Werke zieht er die Religion vor seinen Richterstuhl und fällt namentlich über das Judentum sein Verdammungsurteil. Den erbitterten Hass, welchen er .gegen das Amsterdamer Rabbinatscollegium hegte, übertrug er auf das gesamte Judentum. Mit Verachtung blickte er auf den Glauben seiner Väter herab; seine ehemaligen Lehrer, die Rabbiner, beschuldigte er einer niedrigen Gesinnung. Ganz anders behandelte er das Christentum; er wollte nur seine Lichtseiten sehen und blickte über die Schwächen hinweg. Eine derartige Behandlung des Judentums beweist deutlich genug, dass er die Bestrafung mit dem Banne nicht gleichgültig hingenommen hat. Mit dieser Bekämpfung seiner ehemaligen Glaubensgenossen lieferte Spinoza den Feinden der Juden wirksame Waffen in die Hand; er hätte der Amsterdamer Gemeinde gefährlich werden können, wäre er eine Kampfesnatur gewesen. Das epochemachende Werk, den theologisch• J) Freudenthal, S. 81.