Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3486266-3486275--1670-3488033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Erstes Kapitel. Die Wanderung der Marranen nach Holland und ihre Niederlassung in Amsterdam. In keinem Lande haben die Juden in verhältnismässig kurzer Zeit eine solche Blüte erreicht wie in den Niederlanden, wo sich die spanischen und portugiesischen Marranen nach ihrer Auswanderung aus der pyrenäischen Halbinsel niederliessen. Zu Anfang des XVI. Jahrhunderts hatten einzelne Juden, die durch die Verfolgungen in ihrer alten Heimat gezwungen waren, ihr Vaterland zu verlassen, in den Niederlanden Fuss gefasst. Da ihnen jedoch kein rechtlicher Schutz gewährt wurde, waren sie von der Laune und Stimmung der örtlichen Behörden abhängig, die, wenn es ihnen gefiel, das Vermögen der bei ihnen wohnhaften Neu-Christen confiscierten und die Schutzlosen aus der Gemeinde vertrieben1). Allein trotz der unsicheren Zustände versuchten immer wieder spanische Marranen, in diesem Lande ihre festen Wohnsitze aufzuschlagen, denn in erster Beihe galt es, ihr nacktes Leben zu retten. Eher als in Spanien glaubten sie dort vor den Nachstellungen der Inquisition sicher zu sein. Teilweise erfüllten sich auch ihre Wünsche, denn solange man nicht wusste, dass man es mit Neu-Christen zu tun hatte, blieben sie vor Erpressung und Ausbeutung seitens der Behörden bewahrt. Ungestört konnten sie ihrem Gewerbe nachgehen. In manchen Gemeinden erwarben sie sich sogar die Gunst der Behörden, und vor allem trachteten sie danach, mit der einheimischen Bevölkerung ein freundschaftliches Verhältnis anzubahnen. Bei der Judenhetze in Portugal nach dem Tode Don Manuels entkamen wieder zahlreiche Marranen in die Niederlande, wo sie sich in den Dörfern und Flecken niederliessen und von der armen Bevölkerung wegen ihrer fabelhaften Schätze, die sie mitgebracht haben sollten, mit grösster Zuvorkommenheit aufgenommen wurden2). Auch die Behörden sahen nicht ungern den Zuzug so reicher Leute, die ihnen von grossem Nutzen sein könnten. Mit anderen Blicken betrachtete allerdings Karl V. die neuen Ankömmlinge, denen er 1) Hamelsveld, Geschiedenis der Joden p. 324. 2) Bachiene, Beschryving der Vereenigde Nederlanden I. p. 43.