Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- V. 1907 - 5668 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
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2 Scheinchristen oder Marratien fanden einen besondern Reiz darin, ihre ehemaligen Glaubensgenossen zu veranlassen, ja sie zu zwingen, ihrem Beispiele zu folgen und ebenfalls das Christentum anzunehmen 1). Sie arbeiteten Hand in Hand mit der christlichen Geistlichkeit. Da aber der Erfolg ihrem Eifer nicht entsprach, so griffen sie zu einem wirksameren Mittel, indem sie mit Hilfe des aufgehetzten Volkes eine allgemeine Bekehrung durchzusetzen versuchten. Schon im Jahre 1391 gelang es dem Judenfeinde Fernando Martinez, in Sevilla eine Judenverfolgung zu veranstalten, wobei Tausende dem fanatisierten Pöbel zum Opfer fielen und Hunderttausende sich durch den Uebertritt retteten2). Dieser Erfolg ermutigte die bekehrungssüchtige Geistlichkeit, ihre Bemühungen fortzusetzen. Von nun an nahmen die Ausschreitungen kein Ende mehr. Allein die meisten Marranen hielten trotz ihrer Bekehrung heimlich am Glauben ihrer Väter fest und manche kehrten bei günstiger Gelegenheit sogar öffentlich zum Judentnme zurück. Um aber die Ketzer bestrafen zu können und die Schwankenden dem Christentum zu erhalten, forderte die Geistlichkeit die Einführung der Inquisition. Vorerst wurden sie mit ihrer Forderung abgewiesen. Heinrich IV. verweigerte die Bestätigung, da er die schädlichen Wirkungen einer derartigen Einrichtung voraussah. Als aber Ferdinand und Isaoella zur Regierung gelangten, fanden die Geistlichen mit ihren Inquisitionsbestrebungen bereitwilliges Entgegenkommen. Ferdinand, der weitreichende Pläne verfolgte und kostspielige Kriege führte, befand sich in Geldnot. In dieser Verlegenheit kamen ihm die geistlichen Rat• geber zu Hilfe, indem sie seine Aufmerksamkeit auf das Glaubensgericht lenkten, das die Vermögensconfiscation als ein erfolgversprechendes Strafmittel gegen Ketzer ansah3). Ohne Bedenken gab der König seine Zustimmung. Nachdem auch der Papst die Bestätigung erteilt hatte, eröffnete der Grossinquisitor Thomas de Torquemada seine unheilvolle Tätigkeit mit der Verhaftung derjenigen Juden, die einst das Christentum angenommen und *) Grätz, Geschichte der Juden VIII, 74. *) Zacuto, Juchassin, ed. Filipowski, London 1857, S. 225 gibt die Zahl der zwangsweise Getauften auf 200000 an. Llorente, Histoire critique de Tinquisition d’Espagne, Paris 1815—17 I. p. 142. 3) Hoffmann, Geschichte der Inquisition, Bonn 1877—78, S. 267.