Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- IV. 1906 - 5667 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- – (sequence 407)
- Language
- German
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284 auffassung, durch den sich das neue Werk Haievys über die Geschichte der Mischnah und des Talmuds von allen früheren Werken, welche diesen Gegenstand behandeln, unterscheidet. Da die früheren Historiker der talmudischen Periode mit einer fertigen Construktion, einem Gerippe, welches sie ihren Kenntnissen der externen Geschichte entlehnt haben, an den 6toff herantreten und dadurch unbewusst gezwungen werden, den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte dem Gange der römischen oder griechischen Geschichte mehr oder weniger anzupassen, so liegt es auf der Hand, dass der fremde Massstab, mit dem sie messen, alles Originelle und Charakteristische der jüdischen Geschichte und Literatur mehr oder weniger beseitigt, und die jüdische Geschichte ein fremdländisches Aussehen erhält, ein römisches oder griechisches Skelett mit jüdischem Fleisch. Ganz anders Halevy. Von frühester Jugend mit der Kenntnis der jüdischen Geschichte vertraut, durch unermüdliche Forschung im Talmud in das eigenartige Wesen des Judentums hineingeboren, gelingt es ihm, mit genialer Meisterschaft dem Stoff die Form zu geben, den Geist einzuhauciien, den das Material aus sich heraus gebiert. Die Geschichtsverknüpfung ist hier nicht Willkür, nicht Gleichmacherei, sondern das notwendige Erzeugnis der Tatsachen selbst. Hier macht nicht das subjektive und zufällige Allgemeinwissen die jüdische Geschichte nach seinem Ebenbilde, sondern die objektiven jüdischen Geschichtsdaten zwingen dem Forscher ein Gesamtbild auf nach ihrem eigenen Geiste, ihrer Originalität und Individualität entsprechend. Diese Methode eröffnet dem Forscher einen freien Ausblick, er erfindet nichts, sondern entdeckt nur. Und da er nur entdecken will und nur darauf seinen gewaltigen Geist gerichtet hält, so gelingt es ihm auch, Entdeckungen zu machen und zwar solche von grosser Bedeutsamkeit. Die Voraussetzungslosigkeit seiner Methode, welche nicht nach dem hinstarrt, was andere sagen, sondern einzig und allein nach dem, was die Quellen sagen, ermöglicht ihm ein viel gründlicheres Quellen- Studium, gibt ihm einen viel freieren und tieferen Blick, dass wir nur so es begreifen können, wie es ihm gelingt, in dem scheinbar bereits erforschten Gebiet völlig neue Fundgruben uns zu erschliessen, an die niemand gedacht und die keiner so tief wie er ergründet hat.