Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- IV. 1906 - 5667 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- – (sequence 328)
- Language
- German
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205 fehlte zur geistigen Ausbildung die Müsse und aueh die nötige Ruhe; die hebräische Sprache konnte nicht in dem Masse gepflegt werden, wie es die geistigen Führer wohl gewünscht hätten. Die breiten Massen mussten ihre Zeit dem Erwerbe widmen, um die nötigen Bedürfnisse zu befriedigen. ״Tag für Tag1 2)“, seufzt Raba auf, ״wird der Fluch grösser und die Welt besteht nur wegen der zwei kleinen Gebetstücke, die das Volk in der Landessprache und darum mit Verständnis verrichtet: der Keduscha und des Kaddischgebetes (welche nach den Vorträgen in aramäischer Sprache verrichtet werden.)“ Baba aber war weit entfeint davon, das Volk darum zu tadeln. Er kannte dessen Notlage und trug dieser Rechnung. Als einst R. Sera die Lehre vortrug, dass man mit dem blossen Lesen des Schema am Morgen und am Abend eigentlich auch das Gebot: ״Du sollst darin (in der Lehre) Tag und Nacht forschen“ erfülle, dann aber allsogleieh hinzufügte, dass man dies nicht in Gegenwart eines Unwissenden, eines Am־haarez, vortragen dürfe, vermutlich aus Furcht, dass mancher Lehrbeflissene, wenn er dies erführe, vom Gesetzesstudium abstehen könnte, entgegnete Raba, dass es gradezu heilige Pflicht sei, dieser‘Lehre eine möglichst weite Publizität zu geben‘־). Offenbar wollte er damit den ärmeren Glaubensgenossen, welche, der Not gehorchend, dem Erwerbe nachgehen mussten, die Beruhigung gewähren, dass sie auch dann das wichtige Gebot des Gesetzesstudiums erfüllten, wenn sie täglich zweimal das Schema lasen. Der Drang, sich dem Studium zu widmen, war übrigens zu mächtig, als dass zu befürchten gewesen wäre, dass man durch die Verbreitung solcher Lehren die Pflege des Thorastudiums ernstlich schädigen könnte. Die damalige Zeit war nicht inate־ rialistisch gesinnt. Jedenfalls war bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung der Wissensdrang weit stärker als der Erwerbstrieb. Raba musste seine Hörer geradezu bitten, dass sie in den Monaten Nissan und Tisehri das Lehrhaus nicht aufsuchen, sondern sich der Feldarbeit widmen sollten, damit sie nicht das 1) Sotah 49a und Raschi das. Das Volk scheint auch zur Zeit Rabs nur aramäisch verstanden zu haben. Siehe den Kommentar des R. Gerson zu Chullin 15a: לאמוראי צייתי למתרגם. 2) Menachot 99b.