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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1906-01-01 · IV. 1906 - 5667 (1906) · page 199

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
IV. 1906 - 5667 (1906)
Date
1906-01-01
Page
– (sequence 199)
Language
German
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76 muss abnehmen. Es wird nicht mehr aus primären Quellen geschöpft, man begnügt sich mit dem Sammeln und Sichten der Gebräuche (Minhagim), mit den Auszügen aus den Arbeiten der Vorgänger. Mit gewissenhafter Peinlichkeit achtet man auf Brauch und Sitte, die in den meisten Fällen das religiöse Leben bestimmen. An Überlieferungen zehrt das Zeitalter, auf das Überkommene stützt es sich, wreil es demselben infolge der trüben Verhältnisse an schöpferischer Kraft gebricht. Hie und da tauchen einige glänzende Namen auf, die aber unter denjenigen der ersten Geistesarbeiter nicht zu nennen sind, ihre schriftstellerische Tätigkeit reicht weder inhaltlich, noch im äusseren Umfange an das Or Sarua des B. Isaak b. Mose. Der Vorzug seines Werkes ist die methodische Sichtung des halachischen Stoffes, die Verschmelzung zweier Bichtungen, der dialectischen und der systematischen. Von der talmudischen Stelle ausgehend, die er nach Baschis und der Tossafisten Weise glossiert, sucht er das Ergebnis der Discussion, die als Bichlschnür geltende Norm. Dabei nimmt er Blicksicht auf die bestehenden Gebräuche, die er aus den Quellen — zumeist aus dem jerusalemischen Talmud und Midrasch — zu begründen versucht. Die Umgebung, in welcher er lebt, wirkt auf ihn ein und verleiht seinem Werke ein eigenartiges Oolorit. Der culturgeschichtliehe Bahinen des Or Sarua ist von hoher Bedeutung und ungemein wichtig für die Kenntnis der Sitten und Anschauungen seiner Zeit. Der Verfasser führt ein unstätes Wanderleben, ist ein armer Mann, der aus den böhmischen Lehrhäusern in die Bheingegend kommt, die Talmudschulen berühmter Gesetzeslehrer aufsucht, deren Jünger und Genosse er wird. Sein Wissensdrang lässt ihn nicht ruhen, zieht ihn nach Frankreich, in den Kreis tossafistischer Gelehrsamkeit, wo er bei den Meistern des Talmuds die dialectische, auf die Einzelheiten des Stoffes eingehende Behandlung des Textes sich aneignet. Der Werdegang BIOS’s gleicht in vielen Dingen demjenigen der fahrenden Schüler seiner Zeit. In die Fremde zu gehen, einen bekannten Gesetzeslehrer zu hören, vor ihm Aufzeichnungen zu machen (Tossafot, Likkutim) oder dessen Erklärungen abzuschreiben, diese in ein Schriftwerk zu vereinigen, dies ist der Entwicklungsweg des Mannes. Seine äusseren Lebensverhältnisse haben keine Bedeutung, sind kaum

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