Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- II. 1904 - 5665 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 287)
- Language
- German
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283 __ Smichow nach dem Proskai über und verfolgten die abziehenden Preussen; die Bewohner der Stadt warfen Steine aus den Fenstern auf die Abziehenden. Am Kleinseitner Brückenköpfe wandten sich die Preussen und lieferten ein Treffen, wobei sie auch die Feldschlangen benützten. In diesem Kampfe fielen beider־ seits viele; viele preussische Soldaten desertierten und kämpften gegen die Preussen. Als die Preussen aus dem Bereiche der Stadt waren, wurden sie ihrer Ueberzahl wegen nicht weiter verfolgt. Um Mittag rottete sich eine grosse Menge von Husaren, Banduren, preussischen Deserteuren, Schmieden, Steinmetzen, Holzfällern, Bäckern, Wasserträgern und dem ganzen Pöbel der Stadt, Männer und Weiber, jung und alt zusammen; sie waren mit allen möglichen Waffen bewaffnet. Diese alle zogen gegen die Judenstadt; die zum Schutze der Juden ausgestellten Wachen schlossen sich ihnen sofort an. Sie umstellten die Judenstadt von allen Seiten, erbrachen die Tore und Türen, kein Schloss vermochte ihnen standzuhalten, bald füllten sie die ganze Judenstadt; sie schossen in die Fenster der Häuser. Die Juden verbargen sich eilends in Kellern und auf Dachböden, in den Schlupfwinkeln war ein solches Gedränge, dass Kinder * 2) zu Tode gedrückt wurden und manche in ihrer verzweiflungsvollen Angst von den Dachböden auf die Strasse fielen. Der überaus fromme Bezalel, Sohn des Josef2), wurde ermordet, während er die Tefillin an Haupt und Arm angelegt hatte, auch der fromme und gelehrte Gabriel, Sohn des Mainzer Rabbiners Moses3), wurde erschlagen und noch 13 andere. Niemand wurde geschont, Männer und Frauen, Greise und Kinder wurden ermordet, über 300, darunter Kranke und schwangere Frauen, verwundet. Sie quälten und marterten die Juden, um zu erfahren, wo diese ihre Reichtiimer und Schätze verborgen hatten. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde geraubt; was sie nicht wegschaffen konnten, verdarben sie an Ort und Stelle. So vermengten sie Mehl mit Salz, nur um es ungeniessbar zu machen, Hessen Fässer mit Wein, Branntwein und Oel auf die Erde auslaufen. Kostbare Glas- und b Bezieht sich auf den im Anhang III mitgeteilten konkreten Fall. 2) Bezalel Lichtzieher Bunzel, vgl. Anhang HI. 3) Gabriel, Sohn des Mainzer Rabbiners Moses Brandeis, genannt Mosche Charif.