Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- II. 1904 - 5665 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 279)
- Language
- German
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275 lieber Weise; sie zerstörten die Häuser und vergossen unschuldiges Blut. Fromme und biedere Männer1), Mendel, der Sohn des Jereremias, Leb Lion, Leb Gadels, wurden meuchlings vom Fenster eines Bierschankes aus durch Schusswaffen ermordet. Ein Christ, der sich der Juden annehmen wollte, wurde verlacht und verspottet; er lief darauf zum Befehlshaber der ungarischen Truppen und erlangte von ihm 18 Husaren zum Schutze der Juden. Die Husaren, zu schwach, um etwas gegen die grosse Menge auszurichten, gesellten sich bald zu den Plünderern. Da lief der obenerwähnte Christ — die Juden durften sich nicht auf die Strasse wagen — nochmals zum Befehlshaber der Truppen und dieser gab ihm einen Offizier mit, der sich über die Sachlage informieren sollte; auf den Bericht des Offiziers sandte dann General Harsch 50 Reiter zum Schutze der Juden. Vor der Ankunft dieser Reiter plünderten die Räuber die ganze Gegend um die Altschul; auch die kleine Synagoge2) bei der Altschul erbrachen sie, stahlen, soviel sie konnten, warfen die heiligen Gesetzesrollen zur Erde und zerrissen sie. Von hier aus gingen sie auf den Markt und setzten hier ihr Zerstörungswerk fort, sie erbrachen die Tore zweier Häuser, plünderten die Läden und Magazine, warfen die Waren von den Fenstern aus auf die Strasse und verwundeten mehr als 50 Juden. Als die Reiter kamen, zerstreuten sie die Menge und retteten die übrigen Gewölbe und Häuser der Juden auf dem Markte. Am Morgen dieses Tages3) waren 8 Juden und ein Knabe zu dem Verwalter des Arsenals auf dem Wyschehrad gegangen, um die Bezahlung der ihnen geschuldeten Beträge zu empfangen. Als sie auf dem Rückwege zum Neustädter Rathaus kamen, hörten sie, dass in der Judenstadt viele Juden erschlagen worden seien und dass die Judenstadt geplündert werde. Darauf 1) Vgl. Anhang lü, wo die Ermordung Leb Lions folgendermassen dargestellt wird. Lion sprach gerade den Segensspruch über den Neumond als ihn ein christlicher Seifensieder in der Altschulgasse erschoss. 2) Die Prager Synagogen hatten neben der Hauptsynagoge noch stets eine kleine Synagoge, die gewöhnlich zum Haschkama-Gottesdienste benutzt wurde. 3) Der jetzt folgende Bericht ist der wichtigste Teil unserer Chronik, weil uns hier zum ersten Male in glaubwürdiger Weise die Veranlassung zu den Beschuldigungen gegen die Prager juden, welche später zur )udenaus- Weisung führten, mitgeteilt wird.