Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- II. 1904 - 5665 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 206)
- Language
- German
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202 ohne ihm gerecht zu weiden: erster Bürger des Staats zu sein, nicht mehr und nicht weniger. Diese Auffassung trägt allen Fragen, die oben aufgeworfen wurden, Rechnung; sie allein scheint geeignet, diese Aufgabe zu erfüllen. Der Grund, warum Israel nicht schon früher zur Wahl eines Königs schritt, liegt eben darin, dass, entgegen dem strikten Befehle Gottes, Palästina noch immer nicht völlig erobert war. Die anfängliche Einigkeit unter den Stämmen Israels war nur zu bald durch Eifersüchteleien und Eigenbrödelei ertötet; die zu Besitz Gelangten überliessen es den weniger Glücklichen sich selbst ihr Recht zu schaffen, und so konnte — wie die Thora es vorhergesagt — die eingesessene emoritische Bevölkerung als Pfahl im Volkskörper Israels zerstörend und zersetzend wirken. Somit fehlten die Voraussetzungen für ein Königtum, und daher die Weigerung Gideons, die ihm zugedachte Würde anzunehmen. Darum auch die Vorwürfe und das Widerstreben Samuels: wie ein Leitmotiv durchzieht seine Worte der Gedanke, dass Israel keinem Menschen den Besitz seines Landes solle zu danken haben. Vielleicht erklärt sich so auch, dass nicht der Stamm Juda, der doch schon von Jakob prädestiniert für Stellung des Königs war, den ersten König aus seiner Mitte auf den Schild erhob. Hätte der Benjaminssohn Saul, der erste König Israels? die ihm zugedachte Aufgabe der Ausrottung Amaleks nach dem Willen Gottes gelöst, so wäre ihm und seinen Nachkommen wohl auch die andere zugefallen, die Säuberung des Landes von seinen heidnischen Bewohnern zu vollenden, um dann im normalen Laufe der Geschichtsentwickelung dem Spross aus Judas Hause David Platz zu machen. Seine sentimentale Weichherzigkeit, die einem Gebote Gottes gegenüber nie am Platze ist, liess ihn dieser Aufgäbe nicht gewachsen erscheinen, und so erfolgte der verhängnisvolle Bruch schon nach wenigen Jahren. Sein Nachfolger hat den Rest dieser Aufgabe gelöst, und auf dem letzten Stücke heiligen Bodens, den er allerdings nicht durch Waffengewalt dem Ernori abnahm, die Stätte für das Heiligtum Gottes, den Ausgangs- und Endpunkt aller Sehnsucht und Hoffnungen Israels bereitet, dessen Wiedererstehen in altem, erhöhtem Glanz, Gottes Verheissung uns gewährleistet hat für alle Zeiten. %