Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- II. 1904 - 5665 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 200)
- Language
- German
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196 körpert uml dessen Wohl und Wehe von dem seinigen abhängig. Eine natürliche und notwendige Consequenz dieser Auffassung ist die, dass die königliche Gewalt nur von einer Persönlichkeit geübt werden kann, die unwandelbar, unbeschränkt und unantastbar ihre Macht ausübt und sie schliesslich weiter vererbt. Allein, noch keiner hat die Richtigkeit dieser Ansicht, weder mit logischen Vernunftgründen, noch an der Hand von Tatsachen nachgewiesen. Im Gegenteil, es ist anzunehmen, dass die Leitung eines Staatswresens weit besser in der Hand einer vielköpfigen Volksvertretung aufgehoben ist, die den Geist und die Intelligenz repräsentiert, als in der Hand eines Menschen, Gewiss können auch jene irren und zum Schaden des Landes regieren: aber das kann nicht lange dauern; das Volk würde solchen Vertretern bald sein Vertrauen entziehen und andere Vertreter an ihre Stelle setzen. Ganz anders in der Monarchie. Den giinstigsten Fall gesetzt, dass nämlich des Königs Herz ungewöhnlich gut, weit über das Durchschnittsmass hinaus sei, dass sein Gemüt durch üble Erfahrung nicht verbittert, sein Geist klar, sein Verstand scharf und gegen Täuschungen gefeit wäre — alle diese Momente vorausgesetzt, so wäre es möglich, dass, wenn sein Glück ihn den richtigen Berater finden lässt, seine Regierung zum Heile seines Volkes ausschlägt. Aber das Zusammentreffen so vieler günstiger Voraussetzungen ist naturgemäss selten. Die Höhe macht den Blick unsicher und erzeugt oft Schwindel; Schmeichler drängen sich heran und betören oft das beste Herz; geschickt eingefädelte Intriguen täuschen selbst den klarsten Kopf und das Volk muss es entgelten. Kommt aber erst ein Tyrann auf den Thron, dann wehe dem Volk! Druck und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung und in ihrem Gefolge Entsittlichung und Zerstörung aller moralischen Werte, die Erstickung aller idealen Regungen, welche gleich einer ansteckenden Seuche das Volk vergiftet. Alle Blicke richten sich nach der königlichen Sonne; jedes Mittel gilt daher für recht, um einen Strahl derselben zu empfangen; die besten Talente dagegen bleiben im Dunkel und verkommen ungekannt und ungewürdigt, weil die Huld des Hofes sie nicht bescheint. So bleibt dem Volke nur der leidige Trost, dass im Leben ja alles ein Ende nimmt, und die Hoffnung auf einen Thronwechsel, die meist wie-