Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- (I.) 1903 - 5664 (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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40 Jedes Uuglück in der Weltgeschichte, und nicht zuletzt in der jüdischen, trägt stets den Keim einer neuen segensvollen Entwicklung auf einem anderen Gebiete in sich. Das lehrt der Gang der Geschichte und diese Beobachtung trügt auch nicht in diesem Fall. Jenes entsetzliche Ereignis wirkte wie ein Sturmwind, der Bäume, Sträucher und Blumen schüttelt und zaust. Der Blütenstaub oder die samentragende Frucht wird entführt und jedes einzelne bewirkt oft in weiter Entfernung, auf fremdem Felde, neue Befruchtung, Blüte und Ernte. Manches Samenkörnchen, hinausgestreut aus dem Wiener Ghetto in bisher unfruchtbare Gegenden der Diaspora, entwickelte sich auf neuer Erde, in neuen Verhältnissen, zu einem stattlichen Baum. Gar manches Talent, das in der grossen Judenstadt kümmerlich hätte verkommen oder vor einem noch helleren Licht hatte verblassen müssen, konnte im neuen Lande uneingeschränkt von Gewalt und Umgebung sich kühner und freier entfalten, ja jetzt erst trat es in allen Teilen des Reiches an das Tageslicht, welche Summe von Wissen und Können in der Wiener Gemeinde latent vorhanden war.*) Einige Samenkörnlein flogen auch nach dem bis dahin den jüdischen Interessen völlig unbekannten Sulzbach, wo ein edel, rechtlich und vorurteilslos denkender und die Wissenschaft liebender Herrscher, der uns kein Unbekannter mehr ist, der gesunden Entwicklung einer Judengemeinde die Wege geebnet hatte. Inmitten der neuen Ansiedelung, oder sagen wir Schonung, wuchs vor allen ein Baum kräftig heran: die Familie Fränkel- Arnstein, die nunmehr fast ausschliesslich Gegenstand unserer Darstellung sein wird. Die ersten Wiener Exulanten **) tauchten bereits im Herbst 1670 in Sulzbach auf. Ihnen folgten andere im Jahre 1672 und endlich im Sommer des Jahres 1673 Ahron Fränkel aus Wien. Dieser erhielt laut Resol. d. d. 2. Okt. 1673 Schutz und Niederlassungsrecht in Sulzbach. Uri Lipmann, der Vater des genannten Ahron, war Mitglied des letzten Wiener Rabbinates unter dem Vorsitze Gerson Ulifs. *) Vergl. Kaufmann ״die letzte Vertreibung“ S. 166 — Schluss. **) Näheres hierüber einer späteren Gelegenheit Vorbehalten.