Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 470 (sequence 473)
- Language
- German, English, Hebrew
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468 i6. Kongreß-Sitzung: Referat und Debatte über Kulturfragen DIE FORTSCHRITTE DER HEBRÄISCHEN SPRACHE. Vielleicht wird man uns fragen: „Warum schreit Ihr eigentlich?". Alle Welt weiß doch, daß sich die hebräische Sprache heute in einem Ztistaiid der Blüte befindet, und daß man unzählige Erscheinungea aufzählen kann, die von der Blüte und dem Wachstum der hebräischen j Sprache und Literatur und von anderen Offenbarungen unserer eigenen j Kultur deutlich Zeugnis ablegen. Ich bin weit davon entfernt, die Bedeutung unserer Erfolge zu unterschätzen, ich will dies im einzelnen nicht alles aufzählen und möchte nur sagen: Gewiß haben wir eine bewundernswerte Blüte zu verzeichnen, die Wehen des Werdens sind jedoch sehr groß. Wir haben ein Wachstum des hebräischen SchuJwesens zu verzeichnen, das bei Beginn des Zionismus selbst noch mit einem Fragezeichen zu versehen war; das gesprochene hebräische Wort hat sich sehr verbreitet, obwohl es noch vor gar nicht so langer; Zeit noch eine sehr zweifelhafte Angelegenheit war, und heute sind an die Stelle der wenigen Dutzende von Leuten, die hebräisch sprechen Zehntausende, ja sogar Hunderttausende getreten. Auch in der Qua lität und im Charakter des gesprochenen hebräischen Wortes ist eine grundlegende Aenderung eingetreten. Selbst Männer wie Lilienblum, Achad Haam, Mendele und Bialik standen dem gesprochenen hebräi sehen Wort Ben-Jehudas nicht gerade mit Sympathie gegenüber unu befürchteten, daß dieses gesprochene hebräische Wort in unserem Munde eine verachtete, wurzellose, unlebendige Sprache, eine Art von hebräischem Jargon sein würde. Man kann noch nicht behaupten, daß diese Besorgnis ganz verschwunden ist, das hebräische Wort schreitet heute jedoch nicht mehr auf Stelzen. Wer heute die Ent wicklung der hebräischen Sprache verfolgt, wird feststellen, daß sie sich in Palästina zu einem immer lebendigeren Hebräisch entwickelt; alte und neue Teile der hebräischen Sprache kommen wieder zum Vorschein. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, ihre Verlebendigung und ihre natürliche Entwicklung vollziehen sich nicht nur durch Philologen, die hiefür vorgebildet sind, sondern durch viele Kräfte: durch den Künstler, den Arbeiter, den Handwerker, den Lehrer, das Kind und die Frau. An allen Ecken und Enden voll zieht sich eine Bereicherung und Vertiefung unsecer Sprache. Wer einen hebräisch geschriebenen Artikel von heute mit einem vor zwanzig oder dreißig Jahren geschriebenen Artikel vergleicht — ich denke dabei nicht an die Großen der Literatur, sondern an die gewöhnliche Sprache eines normalen Artikels —, wer ein hebräisches Lied, eine verantwortungsbewußte Uebersetzung eines Buches oder die Uebersetzung einer Komödie für unser Theater prüft, wird erkennen, in welchem Maße der Prozeß der Renaissance der hebräischen Sprache sich entwickelt hat. Die hebräische Sprache ist aus dem Stadium des Stotterns heraus. Wir beginnen richtig zu sprechen und zu schreiben — nicht in einem Esperanto oder einer Uebersetzungssprache, sondern in einer lebendigen, wurzelhaften Sprache. Wir dürfen uns nicht nur der völlig hebräisierten Schule und des hebräischen Kindergartens rühmen, sondern blicken mit Stolz auch auf Hochschulen, das Tech-