Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 69)
- Language
- German, English, Hebrew
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66 /. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden. Staat als Folgen der Weltkrise erwachsen sind. Aber dieselbe Sorge und dasselbe Interesse beanspruchen auch die schwer leidenden, noch schwerer als die andern leidenden jüdischen Staatsbürger. Sie müßten das Bewußtsein haben, daß der Staat im Sinne der Gleichberechtigung sich um sie nicht weniger kümmert als um die anderen. Dieses Be- 'wußtsein mag materiell für den Augenblick belanglos sein, aber es besitzt eine ungeheure moralische Kraft, welche überall den Bürger an den Staat bindet. Wenn der Staat es von Zeit zu Zeit notwendig erachtet, gewisse Industriezweige zu verstaatlichen, so wird er gut tun, in Betracht zu ziehen, wie große jüdische Massen ihren Lebensunterhalt durch diesen Wirtschaftszweig hatten, und Vorsorge treffen, daß diese Leute, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, entweder bei demselben Erwerbszweig bleiben oder irgendwo anders untergebracht werden. Mit größtem Respekt für den polnischen Staat und ohne uns irgendwie in seine inneren Angelegenheiten einzumischen, müssen wir in aller Ehrerbietung betonen, daß der Umstand, daß solche Maßregeln allgemeiner Natur und nicht etwa gegen Juden gerichtet sind, für die Psychologie wohl von Bedeutung sein mag; für die Opfer dieser Reformen hingegen ist das Motiv indifferent und sind nur die Folgen maßgebend. Der polnische Staat war in seiner tausendjährigen Geschichte unter den großen Kulturnationen des Mittelalters vielleicht der einzige, der seine Annalen nicht durch den Schandfleck einer Judenaustreibung befleckt hat. Eine indirekte wirtschaftliche Vernichtung der Juden entspricht ebensowenig den großen Traditionen des polnischen Volkes wie eine Austreibung, deren Ersatz und verschämte Form sie darstellt. Wir glauben, daß der polnische Staat gegen die Hirnvergiftung des Rassenschwindels immun ist. Und wenn ein polnischer Antisemit letzthin seine Sympathie für die Hetze in Deutschland — mit einer Verwahrung gegen Katholikenverfolgungen! — damit motiviert hat, daß es notwendig sei, Europa vor einer Verjudung zu schützen, so möge dieser Herr sich keine grauen Haare wachsen lassen! Europa, d. h. England, Frankreich, Italien, die Schweiz, auch die Vereinigten Staaten von Amerika und viele andere moderne mächtige Staaten sind gar nicht durch „Verjudung" in einen solchen Verfall geraten, daß sie eines Ratschlages dieses polnischen Antisemiten bedürften, der ihnen das Berliner Rassenrezept so geflissentlich empfiehlt. Man kennt in London, Paris, Rom usw. das Lügenmärchen von der „jüdischen Weltherrschaft"man kennt diese Kolportage sensationeller Phrasen vom schutzbedürftigen Ariertum — die einen Hohn auf Judentum, Christentum, Islam und überhaupt auf alle Grundlagen menschlicher Gesittung darstellen — und man lacht darüber. In Paris z. B. kannte man die Phantasien von den sogenannten Ariern 100 Jahre vor der Offenbarung deutscher Antisemiten; man nahm aber den Grafen Gobineau nicht ernst. Seine Phantasien wurden im Staube alter Bibliotheken begraben. In England kannten nur die wenigen Sachkenner die Hypothesen Professor Max Muellers über die Arier. Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert. Keim Mensch kümmerte sich um