Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 63)
- Language
- German, English, Hebrew
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60 /. Kongjeß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden. den Stürmer, die diese Frage polemisch breittreten, die nicht das Gleichgewicht haben, das Problem auf Grund einer langen Praxis, gründlicher Sachkenntnis und vielseitiger Beobachtungen und Erfahrungen objektiv zu behandeln, wollen folgende zwei Dinge nicht .begreifen : 1. Wir alle wollen die Schaffung eines großen Jüdischen Nationalheims in möglichst raschem Tempo und bei jeder Gelegenheit im Rahmen entsprechender Verhandlungen in Wort und Schrift unaufhörlich fordern; es bedarf hierzu keiner neuen Parteibildungen und keiner inneren Zerwürfnisse, die nur geeignet sind, die konzentrierte Stoßkraft der Organisation zu schwächen. 2. Die Hoffnung ist nicht übertrieben, sondern beruht auf realen Tatsachen, daß es nur auf dem systematischen Entwicklungswege, durch weise Mäßigung und strenge Selbstbeschränkung, Schritt für Schritt •gelingen kann, das begonnene Werk zu schützen, zu fördern, alte Widerstände friedlich zu überwinden und eventuellen neuen siegreich Trotz zu bieten. Dahingegen bedeutet ein Sprung in die unsichere Sphäre einer Konjunktur- und Kombinations-Politik durch ungeahnte phantastische Methoden und ungenügend durchdachte Hypothesen leider ein bedenkliches Salto mortale, weil die Faktoren politischer Meteorologie unberechenbar, die Stimmungen und Launen ungewiß, die Krisen und &orgen schwer und kompliziert sind und der Antisemitismus Verlegenheiten bereitet. Wir berühren diese schmerzhafte Frage in Verbindung mit Polen, weil ihr eigentlicher Schwerpunkt in den jüdischen Massenzentren Polens liegt. Hier hat sich die Kluft z vischen den Erwartungen der notleidenden jüdischen Massen und der Wirklichkeit Erez Israels aufgetan. Wir können uns kaum einen grotiskeren Mythos denken als die 'Vorstellung einer Existenzberechtigung für zwei zionistische Parteien, von denen die eine eine freiwillige Alijah vieler, die andere eine unfreiwillige Alijah weniger polnischer Juden nach Erez Israel erstrebt. Das sind Hirngespinste. DIE TATSÄCHLICHE LAGE. Die tatsächliche Lage stellt sich folgendermaßen dar. Erez Israel ist ein großes Aktivum — nicht allein in geistiger, sondern auch schon in wirtschaftlicher Beziehung — für die Existenz der Judenheit Polens geworden. Es hat eine große Anzahl von Pionieren, von Handwerkern und eine bedeutende Anzahl von Menschen des Mittelstandes sowie von Akademikern und Intellektuellen aufgenommen, die mit größerem oder geringerem Erfolg Bürger des jüdischen Nationalheimes geworden sind, ihre armen Eltern dorthin haben kommen lassen oder sie von dort aus durch Geldsendungen unterstützen. Ohne Erez Israel wäre die Judenheit Polens viel ärmer, unglücklicher und verzweifelter, als sie jetzt ist. Der Zionismus, und gerade der praktische Zionismus, der auf realer Arbeit basiert und nicht in den Wolken schwebt, ist für die Juden Polens ein Segen geworden. Das ist nur ein Anfang, und aller Anfang ist schwer. Wir sind noch nicht am Ende unserer Weisheit angelangt.