Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1937-01-01 · 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935 · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
Date
1937-01-01
Page
Seite 58 (sequence 61)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3476254-3476292--9102-3485253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

58 /. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden. reitet er eine konstruktive Antwort auf den Antisemitismus und eine neue Epoche der jüdischen Geschichte vor. DIE JUDEN IN POLEN. DIE JUDENNOT. In Polen hat das materielle jüdische Elend seine tiefste Stufe erreicht. Seine Größe spottet selbst der riesigsten Wohltätigkeit. Mit den gewaltigen Massen des Proletariats od*r der verarmten Mittelklasse all die Klassenunterschiede sind fiktv geworden! — ist nicht fertig zu werden. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung besteht aus rasch wachsenden, besitzlosen und am Abgrunde der Erwerbslosigkeit stehenden Massen. Sie nagen am Hungertuche. Die alte Handwerkerklasse, die in großen und kleinen Gemeinden Polens einen großen Teil der Judenschaft bildete — in Wilna z. B. über 30 Prozent —, befindet sich in ganz besonderer Bedrängnis und ist, nicht nur h\\ bezug auf Lebensmittel, auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen, zu einem großen Teil fast obdachlos. Jüdische Wohltätigkeit in den Gemeinden, durch ein Netz von Hunderten von Vereinen ausgeübt, die seit Jahrhunderten das Höchste an sozialer Fürsorge, Krankenpflege, Armenunterstützung und zinsfreiem Kredit geleistet hat, hatte immer die Existenz eines wirtschaftlich kräftigen Mittelstandes zur Voraussetzung. Nun ist dieser Mittelstand, der Handel und Industrie betrieb, vollständig zerrüttet. Früher, unter normalen Verhältnissen, hatte er sich durch zwei Tugenden ausgezeichnet: durch Wohltätigkeit und durch Wohlwollen. Unter letzterem verstehe ich das sich betätigende Wohlwollen, wie die Beaufsichtigung der Anstalten für Fremde, Greise, Krankenbesuche usw., im Gegensatz zu der bloßen finanziellen Wohltätigkeit. Wohltätigkeit kann man nur mit Vermögen ausüben, Wohlwollen auch ohne Vermögen. Wohltätigkeit kann nur an Armen, Wohlwollen auch an Reichen ausgeübt werden. Heute ist nur noch dieses Wohlwollen geblieben. Die materielle Leistungsfähigkeit der Gemeinden und Vereine ist auf ein Minimum reduziert. Die einzelnen Mitglieder steuern noch immer über ihre Kräfte bei. Noch ist jüdisches Leben vorhanden. Noch jetzt empfindet und erfüllt der Jude die Pflicht, von dem, was ihm nach all den Krisen noch geblieben, den Armen und Leidenden zu unterstützen, damit dieser sein hartes Los nicht zu sehr fühle. Unserem Volksempfinden gemäß hat der Arme ein Recht auf diese Unterstützung; denn unsere Tradition stellt die Wohltätigkeit nicht in unser Gefühlsleben, sondern in das Programm unserer Lebenspflichten. Man denke also nicht, die Juden im Lande seien der heiligen Tradition der Wohltätigkeit untreu geworden. Es muß der Wahrheit die Ehre gegeben werden: der Opfersinn der polnischen Juden ist noch immer bewundernswert. Wie es menschlich erhebend ist, zu beobachten, wie der in den bescheidensten Verhältnissen lebende Jude sich die schwersten Entbehrungen auferlegt, um seine Gemeinde zu erhalten und seinen notleidenden Verwandten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.