Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 57)
- Language
- German, English, Hebrew
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54 /. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden, anlaßt. Der Handwerker, der Gewerbetreibende, der Industrielle, der Kapitalist, der Rechtsgelehrte, der Theologe, ja die Gelehrten aller Gattungen bis zum Historiker und Politiker, sind auf den Plan ge treten und haben in den Kampf eingegriffen. Der Fanatismus wurde erregt, die Leidenschaft entfesselt, der Rassenhaß, der vor den Errungenschaften des Rechtssinns zurückgetreten war, ist in seiner ganzen Häßlichkeit wieder heraufbeschworen worden. f Wohl können wir zu unserer Beruhigung sagen: wir haben den Antisemitismus auch in den Anfängen und auch in jener Form, in der er aufgetreten ist, nicht verschuldet; wir waren die Angegriffenen und haben uns zur Wehr gesetzt, unsere wohlerworbenen Rechte nur verteidigt, unsere Sitten nur erklärt. Entschieden hat man uns falsch an geklagt und in unverantwortlicher Weise unsere Gesamtheit für Aus nahmen, für die Taten einzelner verantwortlich gemacht. Man hat uiv^ Dinge vorgeworfen, welche wir gar nicht verschuldet haben, und wir konnten nicht anders, als diese verdientermaßen zurückweisen. Wir hatten vergessen, daß wir Gegnern gegenüberstanden, die gar niclu eines Besseren belehrt sein wollen. Man hat uns vorgeworfen, daß wir die Menschheit hassen, nicht, weil man etwa selbst daran glaubte sondern weil man uns beschmutzen und als Menschenfeinde hinstellen wollte. Man hat uns vorgeworfen, daß wir die ganze Welt unter jocht haben oder zu unterjochen bereit sind, nicht, weil man meinte, daß dem wirklich so sei, sondern weil man das eigene böse Gewissen bereden wollte, der Haß sei nur Wiedervergeltung und Selbstschutz. Diese gegen uns gerichtete demagogische Agitation, ,,Pressekampagne" und organisierte Verleumdungspropaganda konnten wir aushalten, weil es einen Regierungsschutz für die Juden gab. Als die Antisemtien ver suchten, an Bismarck mit Projekten heranzutreten, die Juden zu entrechten, wurden sie von ihm mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen: und Bismarck war kein Judenfreund. Aber Deutschland war, auch in seinen reaktionären Phasen, ein Rechtsstaat. In der inneren Parteipol i tik, in der Agitation einer Wahlkampagne mochte Bismarck mit dem Antisemitismus liebäugeln, aber wohlgemerkt, nur mit dem Antisemi tismus als Stimmung, als Volkslaune, als Fiebererscheinung — nie als Gesetzgebung. Das war der ursprüngliche Charakter dieser gegen uns gerichteten Bewegung. Die Antisemiten mochten uns nicht — in Gottes Namen: Sie schimpften auf unsere Rasse. Wir mochten ebenso auf ihre Rasse schimpfen, hätten wir dies nicht für ungerecht und unsinnig gehalten. Aber wir konnten schaffen, lernen, leben — auch sterben fürs Vaterland. Der Antisemitismus war unangenehm, störend, aufregend, aber keine Lebensfrage. DER JETZIGE ZUSTAND. Jetzt hat derselbe Antisemitismus mit verändertem Namen die Möglichkeit erreicht, alles zu tun, was ihm beliebt. Wir sind Zeugen eines Schauspiels des mit allen Mitteln geschürten Judenhasses, der die traurigsten Erinnerungen an rücksichtslose Feindschaft früherer Generatio-