Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 390)
- Language
- German, English, Hebrew
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390 12. Kongreßsitzung: Generaldebatte Ihr seid nicht seit Generationen Arbeiter. Eure Eltern waren auch Balebatim. Und wenn Balebatim in Euere Klasse eintreten wollen, muß man sie aufnehmen. Die Auffassung, daß es verschiedene Arbeiterorganisationen geben soll, halte ich nicht für richtig; ich glaube, daß es eine einzige Organisation geben soll. Es ist aber schon eine unserer alten Schwächen, uns in Gruppen und Grüppchen zu zersplittern. Das gilt in jeder Hinsicht, nicht nur in Bezug auf Arbeit. Eine große Synagoge genügt nicht, man errichtet noch kleine Synagogen, und auch das reicht nicht aus, man errichtet noch Minjanim. Der Prozeß der Zersplitterung und Zerbröckelung ist schädlich, nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für andere Gruppen. Ich habe der ganzen Diskussion zugehört und muß sagen — entschuldigen Sie, wenn ich ein scharfes Wort gebrauche — daß es mir manchmal schien, daß ich mich nicht auf einem zionistischen Kongreß, sondern auf dem letzten sozialistischen Kongreß in Frankreich befinde. Ich stehe ideell dem Sozialismus nicht fern. Auch ich bin kein Kapitalist, auch ich bin ein Arbeiter — ein geistiger Arbeiter und arbeite vielleicht mehr, als manche junge Leute. Ich verstehe aber nicht, wie der Sozialismus in den Zionistischen Kongreß hineinkommt. Ich habe die größte Achtung vor dem Sozialismus. Aber im Basler Programm steht nicht, daß ein Zionist Sozialist sein muß oder Liberaler, oder daß er es nicht sein darf. Herzl war kein Sozialist. Man kann ein großer Mann sein, ohne Sozialist zu sein, ebenso kann man auch ein großer Mann und ein Sozialist sein. Wenn man aber schon über Sozialismus spricht, muß man fragen, welchen Sozialismus man meint. Ich lebe in einem Land, wo der Sozialismus sich stark entwickelt hat. Dort hat sich aber die Labour Party in zwei Teile gespalten. Einer unserer alten Gönner, der Ministerpräsident, ist kürzlich eine solche Koalition eingegangen, die vom größten Teil der Labour Party verurteilt wird. Sind wir für den Sozialismus der Mehrheit der Labour Party oder für englischen Regierungs-Soziaiismus? Es gibt doch auch einen linken Sozialismus, in Frankreich zum Beispiel entwickelt sich ein solcher Prozeß. Und auch im Sozialismus entwickelt sich eine ganz neue aktivistische Richtung. Diese Frage gehört aber nicht hierher, dafür gibt es wissenschaftliche und politische sozialistische Kongresse. Es stimmt, daß der Sozialismus viele Anhänger in Erez Israel hat — mögen sie ihrer Fahne treu sein! So bedeutet auch Sozialismus nicht, daß man religiös oder antireligiös sein soll. Ich weiß, daß es unter den Sozialisten viele fromme Christen gibt. Viele Sozialisten Englands behaupten, daß sie den Sozialismus aus der Bibel gelernt haben. (Zwischenruf REMES: Auch wir haben den Sozialismus aus der Bibel gelernt!). Sie bestätigen also meine Behauptung! Die sozialistischen Prinzipien gehören aber nicht zu den obligatorischen Axiomen des Zionismus. Da ich über die jüdische Religion spreche, möchte ich einige Worte zu dem Vorwurf sagen, den der geschätzte Rabbi Brod gemacht hat. Wenn man seinen Worten zugehört hat, konnte man den Eindruck bekommen, daß in Erez Israel der Sabbath überhaupt aufgehört hat. Ich weilte einige Monate in Erez Israel und muß aus eigener Anschauung sagen, daß die Behauptungen des ehrwürdigen Rabbiners übertrieben sind. Es gehört zu den Uebertreibungen der Parteiredner, die immer