Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 304)
- Language
- German, English, Hebrew
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304 io. Kongreßsitzung: Generaldebatte Der tiefere Sinn des Zionismus ist, daß wir ein Ende machen wollen mit der Abnormität unseres Lebens und mit der Auserwähltheit zum Leiden, die uns schon so teuer zu stehen gekommen ist. Wir wollen sein ein Volk wie alle Völker, wir wollen unser Land bauen wie sonst Völker ihre Länder bauen. Nicht jetzt ist es an der Zeit, sich zu entscheiden, was für ein jüdisches Gemeinwesen wir in Palästina haben sollen. Wir wollen uns jetzt nicht entscheiden: Nicht für den Gottesstaat der Misrachisten, nicht für den sozialistischen Staat der Linken und auch nicht für den faschistischen Staat der äußersten Rechten. Wir wollen unser Land schlechthin bauen und alles übrige der Entwicklung überlassen. Inzwischen stellt uns die jüdische Geschichte, die mit raschen Schritten vorwärtsgeht, vor das schier unlösbare Problem, die Judenfrage mit größter Beschleunigung zu erledigen. In Deutschland ist etwas geschehen, was niemand auf der Welt hat voraussagen können. Der Antisemitismus ist als solcher regierungsfähig geworden, und wenn sich dort die gegenwärtige Regierung an der Macht erhält, dann wird ihr Beispiel Nachahmung finden auch in der übrigen Welt. Wird sich aber die Regierung Hitler an der Macht erhalten? Wie kann man sich dauernd mit Gewalt und Terror behaupten? Kann man — wie man zu sagen pflegt — auf Bajonetten sitzen? Darauf antworte ich: Ja. Man kann auf Bajonetten sitzen. Man sitzt sogar am sichersten auf Bajonetten. Auf Bajonetten sitzt Mussolini in Italien, Stalin in Moskau, die Diktatur in Jugoslawien und eben Hitler in Deutschland. Immer hat sich die Macht siegreich behauptet. Es wird nicht lange dauern und das System Hitlers wird auch andere Länder erobern. Prophezeien ist eine mißliche Sache, und ich will nicht sagen, wann und in welchem Lande das Hitlertum ausbrechen und wo das antisemitische Regime Nachahmung finden wird, aber wir müssen uns der Gefahr, vor der wir stehen, bewußt sein. Doch wir stehen noch vor einem anderen Problem: Vor der ungeheuren jüdischen Not, die über die Juden in Mittel- und Osteuropa hereingebrochen ist. Wir haben unsere ökonomische Rolle unter den Völkern ausgespielt. Wir haben Jahrhunderte lang gewisse Lücken im Wirtschaftskörper der Völker ausgefüllt. Wir waren unentbehrlich. Die Völker aber brauchen uns nicht mehr. Der nach dem Weltkrieg gesteigerte Nationalismus will von der ökonomischen Mittlerrolle des jüdischen Volkes nichts wissen, und so sehen wir, daß Hunderttausende verarmen. Unsere Jugend ist hoffnungslos. Die akademischen Berufe sind überfüllt. Zum Staatsdienste werden wir nicht zugelassen und am Horizonte steigt der Schatten des Numerus Clausus auf. Unsere jüdische Jugend ist verzweifelt. Wohin mit den Hunderttausenden, die in Europa ihre Existenz nicht mehr finden können? Graf Witte hat einmal von dem Rezept zur Lösung der Judenfrage gesprochen. Dieses schwarze Rezept lautete für Rußland: Man möge ein Drittel der Judenschaft ins Schwarze Meer werfen^ ein Drittel möge sich taufen lassen und ein Drittel sollte man aus dem Lande vertreiben. Dieses Rezept