Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 303)
- Language
- German, English, Hebrew
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Neiger, Ebner 303 die Fonds zurückgehen. Die Juden haben die Kraft, nicht zu essen und für ihre Ideale Geld zu geben, aber sie müssen ein Ideal sehen. Die Linke vermengt zwei Ideale. Man kann die Seele nicht in zwei Teile teilen! Wenn man für Klassenkampf ist, kann man nicht zugleich für Erez Israel sein. Wenn das Herz von den Idealen des jüdischen Volkes erfüllt ist, so gibt es keinen Platz für andere Ideale. Und man darf im Zionismus nicht ein Uebergangsstadium zur Diktatur des Proletariats in der Zukunft erblicken. Wir sehen im Zionismus unsere ganze künftige Welt, alle unsere Ideale. Der Kongreß rnuß ein wahres Bild der zionistischen Bewegung und kein falsches darstellen. Das ist wichtig für unser Ideal und für das jüdische Volk (Beifall). VIZEPRÄSIDENT Dr. RUFEISEN übernimmt den Vorsitz. Dr. MAYER EBNER (Allg., Bukowina — spricht deutsch): Mein unmittelbarer Vorredner hat eine Frage berührt, die ich für außerordentlich wichtig halte. Als einer der Teilnehmer des ersten Zionistenkongresses (Lebhafter Beifall) kann ich auf die Erfahrung von 36 Jahren zionistischen Lebens zurückblicken, und da kann ich Ihnen sagen, daß noch kein Kongreß ein wahres Bild des jüdischen Volkes, der Zionistischen Organisation und der wirklichen Stärke der zionistischen Parteien gegeben hat. Die Schuld daran trägt das veraltete Schekelsystem, welches die Grundlage unseres Wahlrechtes ist. Es ist auch ein Unikum in der ganzen Welt, daß schon achtzehnjährige Kinder das Wahlrecht haben. In den fortgeschrittensten Ländern der Welt haben nur die Volljährigen Wahlrecht für die gesetzgebenden Körperschaften. Nirgends ist man volljährig mit 18 Jahren, sondern man ist volljährig mit dem überschrittenen 21. Lebensjahr. Mit 18 Jahren hat man weder die körperliche noch die geistige Reife. Die Jugend ist lebhaft und temperamentvoll und neigt dem Extremen zu. Sie ist im Wahlkampfe und in der Wahlbeteiligung energischer und ausdauernder. Das reifere und bequemere Alter fühlt sich zurückgedrängt und so geschieht es, daß das bürgerliche Element der Mitte insbesondere auf diesem Kongresse viel schwächer vertreten ist, als seiner Zahl und Bedeutung zukommt. Die Allgemeinen Zionisten sind an die zweite Stelle gerückt, obwohl sie in Wahrheit zahlenmäßig viel stärker sind als jede andere Partei. Man sagt wohl, der Rückgang bei den Allgemeinen Zionisten sei darauf zurückzuführen, daß ihnen eine bestimmte Weltanschauung abgeht, das Allgemeine Zionistentum sei von keiner besonderen Weltanschauung getragen. Aber glauben Sie mir: Es wird mit dem Worte „Weltanschauung" arger Mißbrauch getrieben. Von einer besonderen Weltanschauung kann man in diesem Saale nur in Bezug auf eine einzige Partei sprechen. Ich denke dabei an die religiöse Weltanschauung der Misrachisten. Bürgerlich oder sozialistisch — diese Auffassungen reichen noch nicht an das heran, was man eine besondere Weltanschauung nennt. Es sind nur Methoden und Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.