Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 214)
- Language
- German, English, Hebrew
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214 y. Kongreßsitzung: Generaldebatte die Judennot bilden soll, ist ohne arbeitende jüdische Masse nicht möglich und daher eine Illusion. Achad Haam hatte in einer Sache recht: Eine Antwort auf die Not des jüdischen Volkes zu geben und eine jüdische politische Unabhängigkeit in Erez Israel zu schaffen, hat zur Bedingung, daß die arbeitenden Massen in Erez Israel Juden sind. Aber Achad Haam irrte sehr, wenn er glaubte, daß ein geistiges Zentrum ohne jüdische Arbeiter geschaffen werden könne. Ich war vor einiger Zeit in einem ehemaligen geistigen Zentrum in Osteuropa, in Lettland. Was ist das Schicksal dieses geistigen Zentrums, das ein großes Kulturvolk geschaffen hat? Vor Hunderten von Jahren haben deutsche Barone mit Hilfe der großen Kultur des deutschen Volkes, mit dem ganzen deutschen Reichtum, mit der deutschen Wissenschaft, der deutschen politischen Macht ein musterhaftes geistiges Zentrum geschaffen. Die Arbeiter des Landes waren kulturlos und unwissend. Das ganze Bildungswesen von der Volksschule bis zur Universität, der Boden des Landes, die größten industriellen Unternehmungen waren im Besitz von Deutschen. Der deutsche Geist und die deutsche Kultur blühten dort selbst unter der russischen Herrschaft — aber es kam ein Tag des Gerichtes, ein historischer Tag, da die „kulturlosen und unwissenden" lettischen Massen mit einem Male alle deutschen Werte, all das, was die Deutschen mit so großen Anstrengungen in Jahrhunderten geschaffen hatten, zunichte machten. Es ist keine Spur mehr vorhanden vom deutschen geistigen Zentrum, statt dessen gibt es einen nationalen Staat der „unwissenden" Letten, eine selbständige lettische Kultur, Presse, Wissenschaft usw. Achad Haam hat von Grund auf geirrt, als er meinte, daß eine Oberschicht allein ein geistiges Zentrum schaffen kann, wenn die arbeitenden Massen nicht uns gehören und nicht unser sein werden. Zum Glück hat Achad Haam nicht nur in der Diagnose geirrt, sondern auch in der Prognose. Er hat auf Grund seiner Erfahrungen von dreißig Jahren behauptet, daß es keine arbeitenden jüdischen Massen geben könne. Dieser sein Gedanke ist vom jüdischen Jischuv widerlegt worden. Palästina ist das einzige Land in der Welt, wo die jüdische Arbeit dem ganzen wirtschaftlichen und sozialen Leben ihren Stempel aufgedrückt hat. In dieser einen und entscheidenden historischen Tatsache liegt der Unterschied zwischen Geula und Galuth, zwischen Erez Israel und Diaspora. Darin liegt die einzige Hoffnung, daß nicht ein neues Galuth entstehen wird, sondern daß wir am Anfang einer selbständigen nationalen Existenz stehen. In der Tatsache der jüdischen Arbeit sehen wir die zentrale Aufgabe und den tiefsten Sinn der ganzen zionistischen Tätigkeit in Erez Israel. Das ist das größte Wunder, das in der jüdischen Geschichte geschehen ist — aber dieses Wunder ist nicht von selbst geschehen, es hat Mühe gekostet. Ihm hat nicht nur der schlechte Wille der jüdischen Besitzenden entgegengewirkt, nicht nur die Ablehnung der jüdischen Arbeitgeber, die ihre Pflichten gegen Volk und Land verkannten, sondern auch gewichtige objektive Faktoren standen der Entwicklung der jüdischen Arbeit in