Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 195)
- Language
- German, English, Hebrew
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Ruppin 195 minderwertig, sondern anderswertig, so wie jede menschliche Gruppe sich von jeder anderen Gruppe unterscheidet. Aber so wenig man sagen kann, daß unter den Obstsorten der Apfel höherwertig ist und die Birne minderwertig, so wenig kann zwischen uns und anderen Völkern von Höher- oder Minderwertigkeit gesprochen werden. Es ist unmöglich, sich vorzustellen, wie die jetzige Weltkultur aussehen würde, wenn man aus ihrem vielfarbigen Bilde die Farben herausnehmen würde, die die Juden hineingewebt haben. Aus ihrer Mitte gingen die Propheten hervor, deren Stimme als soziale Reformer durch die Jahrtausende bis in unsere Zeit erschallt. Die Juden gaben der Welt in der Bibel das Buch, aus dem bis zum heutigen Tage Milliarden von Menschen Belehrung, Erbauung und Trost in den Nöten des Lebens geschöpft haben. In den letzten drei Jahrhunderten englischer Geschichte, welche das Fundament zum heutigen britischen Weltreich gelegt haben, war die Bibel das höchste Wort in Literatur und Gesetzgebung, das nationale Epos Britanniens, mit dem Hoch und Niedrig, Klein und Groß vertraut war. Die Staatsmänner, die das britische Weltreich aufgebaut haben und diejenigen, die es heute verwalten, haben eine so eindringende Kenntnis der Bibel, daß sie viele Juden beschämen. Friedrich Nietzsche, auf den unsere Gegner sich so gerne berufen, sagt: „Im jüdischen alten Testament, dem Buche der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stil, daß das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat." Ohne das Judentum wäre weder das Christentum, noch der Islam möglich gewesen. Daß aber Christentum und Islam für das Schicksal der Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden größere Bedeutung haben als irgendeine sonstige geistige Bewegung oder als irgendwelche technische oder materielle Errungenschaften, bedarf keiner weiteren Darlegung. Es gibt Stimmen, welche den gewaltigen Einfluß des Judentums auf die Weltgeschichte, sei es direkt, sei es durch Christentum und Islam, anerkennen, aber in diesem Einfluß den Krebsschaden der Kulturentwicklung sehen. Das Judentum und das auf ihm aufgebaute Christentum wird beschuldigt, die Entwicklung der Weltkultur im hellenistischen Sinn zerschlagen und dadurch unermeßlichen Schaden angerichtet zu haben. Mit diesen Gegnern des Judentums zu streiten, ist deshalb nutzlos, weil es über alle Vorstellungskraft hinausgeht, zu sagen, wie die Welt heute aussehen würde, wenn der Hellenismus freie Bahn gehabt hätte. Alle Vermutungen darüber sind leere Hirngespinste. Die Welt ist kein Mechanismus, bei dem man berechnen kann, wie sein Gang gewesen wäre, wenn ein Rad in seinem Getriebe, durch ein anderes Rad ersetzt worden wäre. Die Weltgeschichte ist vielmehr die Komponente unzähliger menschlicher Triebkräfte, die organisch auseinander und miteinander wachsen. Wer meint, daß der Gang der Weltgeschichte nicht der richtige war und daß er eigentlich hätte anders sein sollen, könnte ebensogut die Entwicklung, durch welche diese oder jene Pflanze hervorgebracht wurde, als schlecht bezeichnen und an Stelle dieser wirklichen Pflanze eine andere imaginäre Pflanze verlangen. Was im Laufe von Jahrtausenden geschichtlich geworden ist, muß von uns als etwas Unabänderliches, Naturhaftes angesehen 13*