Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 190)
- Language
- German, English, Hebrew
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190 6. Kongreßsitzung: Ansiedelung deutscher Juden Geschütz einer Sondergesetzgebung auffahren zu lassen? Vor einigen Monaten hat Herr Sam Cohen mit den zuständigen Stellen in Deutschland mit großem Geschick und großer Umsicht Verhandlungen eingeleitet, um Juden, die nach Palästina auswandern wollen, die Mitnahme eines Teiles ihres Vermögens in Devisen und Waren zu ermöglichen. Sie werden über das Ergebnis dieser Verhandlungen in der Kommission näheres erfahren. Ich glaube auf Grund dieser Verhandlungen annehmen zu dürfen, daß einer organisierten Auswanderung von Juden aus Deutschland unter teilweiser Mitnahme ihres Vermögens keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Ich spreche hier immer von einer organisierten Auswanderung. Ich will damit den Gegensatz dieser Auswanderung zu einer fluchtartigen Auswanderung betonen, wie wir sie in den letzten Monaten bereits erlebt haben. Diese fluchtartige Auswanderung ist in den meisten Fällen weder ein Segen für den Auswanderer, noch für das Land, in das er kommt. Nur eine organisierte Auswanderung, welche die Auswanderer nach ihren Fähigkeiten in die für sie geeigneten Berufe hinüberleitet und unter den Einwanderungsländern diejenigen auswählt, in welchen die wirtschaftlichen Aussichten am besten sind, kann den Fluch in einen Segen verwandeln. EINWANDERUNGSLAND PALÄSTINA. Unter den Auswanderungsländern richtet sich der Blick natürlich in erster Linie auf Palästina. Ich habe deutsche Juden gesprochen, die vor kurzem noch zu den schärfsten Gegnern des Zionismus und des Palästinawerks gehört haben und die heute offen eingestehen, daß sie sich geirrt haben und daß die Lage der deutschen Juden heute noch viel verzweifelter wäre, wenn nicht Palästina für sie eine moralische Rückenstärkung und eine wirtschaftliche Hoffnung wäre. Die jüdische Bevölkerung in Palästina betrug am Ende des Weltkrieges etwa 65.000. Sie wurde bei der Volkszählung von 1923 mit 83.000, bei der Volkszählung von 1931 mit 175.000 festgestellt und ist heute auf etwa 220.000, das heißt auf ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Palästinas zu schätzen. Von dieser Zunahme entfallen ungefähr 100.000 auf den Überschuß der Einwanderung über die Auswanderung in den letzten zwölf Jahren. Wir hatten also einen durchschnittlichen Jahres-Einwanderungsüberschuß von 8000 bis 9000. Aber das Palästina von heute ist in weit höherem Maße zu einer Einwanderungsaufnahme fähig als das Palästina von 1922. Die Tatsache, daß in Palästina heute 220.000 Juden und nicht nur 83.000 Juden wohnen, ist in sich selbst für die Aufnahmefähigkeit einer neuen Einwanderung ein sehr bedeutender Faktor. Die Einwanderung in ein Land muß, um nicht lawinenartig das Bestehende zu überschwemmen, in einem gewissen Prozentsatz zur bereits vorhandenen Bevölkerung stehen. Von diesem Gesichtspunkt aus allein läßt sich sagen, daß Palästina heute mehr als doppelt so viel Einwanderer aufnehmen kann als im verflossenen Jahrzehnt. Aber dazu kommt noch, daß überhaupt die Wirtschaft Palästinas in den letzten zehn Jahren sich in bedeutendem Maße