Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 189)
- Language
- German, English, Hebrew
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Ruppin 189 Alter der Berufswahl eintritt, ist verzweifelt. Tausende und Zehntausende von jungen Leuten finden keinen Weg, auf dem sie ihr Leben nutzbringend gestalten könnten. Viele fühlen sich auch seelisch nicht imstande, als Bürger zweiter Klasse in einem Lande weiter zu leben, in dem ihre Väter und Großväter als vollberechtigte Volksgenossen gelebt haben. In dieser Not gibt es keinen anderen Ausweg, als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von fünf bis zehn Jahren die 200.000 Juden, die heute in Deutschland „überzählig" geworden sind und Deutschland verlassen wollen, in andere Länder bringt. Bei einem solchen Rettungsversuche verzichten wir selbstverständlich nicht darauf, gegen die Entwicklung der Dinge in Deutschland, die einen so großen Teil der deutschen Juden zur Auswanderung zwingt, aufs schärfste zu protestieren. Aber dieser Protest unserseits darf uns nicht blind machen für die Tatsache, daß nun einmal für die deutsche Regierung die Gegnerschaft gegen die Juden ein integraler Teil ihres Programmes, fast ein religiöser Glaubenssatz ist. Gegen religiöse Glaubenssätze läßt sich aber mit Waffen der Vernunft nicht ankämpfen. Noch vor drei Jahrhunderten hat man Tausende von unschuldigen Frauen als Hexen zum Tode verurteilt und lebendig verbrannt, nachdem in einem geordneten Gerichtsverfahren bewiesen worden war, daß sie durch den „bösen Blick" oder sonstwie andere „behext" hatten. Heute können wir diesen Aberglauben ebensowenig verstehen, wie eine spätere Zeit verstehen wird, daß man den „bösen Blick" der Juden für alles Unglück Deutschlands verantwortlich gemacht hat. Vielleicht wird nach einer Anzahl von Jahren die Einstellung der deutschen Regierung zu den Juden sich ändern. Aber diese Änderung würde für diejenigen deutschen Juden, die in einigen Monaten schon kein Brot mehr haben, zu spät kommen. Der beste Protest gegen die Judenpolitik der deutschen Regierung ist, so scheint mir, die rettende üat. Ich habe kein Recht und keinen Auftrag, im Namen der deutschen Juden zu sprechen. Ich spreche hier lediglich als Soziologe, der sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Schicksal der Juden in allen seinen verschiedenen Formen beschäftigt. Von diesem Standpunkte aus sehe ich keine andere Lösung, als eine organisierte Auswanderung eines Teiles der deutschen Juden. Diejenigen von ihnen, die keine Existenzgrundlage mehr haber oder die sich nach den Erfahrungen der letzten Zeit in Deutschland nicht mehr heimisch fühlen können, werden den Weg der Auswanderung wählen; der Teil, der in Deutschland bleibt, würde dann — so nehme ich an — eine genügende wirtschaftliche Basis behalten. Selbstverständlich müßte auch ihre rechtliche Stellung so geregelt werden, daß sie in Sicherheit und Würde auf deutscher Erde weiterleben können. Schließlich muß man sich immer wieder vor Augen halten, daß die Juden unter der deutschen Gesamtbevölkerung von 65 Millionen nur acht auf tausend ausmachen, und daß, wenn die Auswanderung ihre Ziffer auf eine Viertelmillion herunterbringt, sich sogar nur vier Juden unter tausend Einwohnern in Deutschland befinden werden. Sollte es wirklich für eine starke deutsche Regierung notwendig sein, gegen eine so geringe Minderheit, die schon seit Generationen in Deutschland lebt, das schwere