Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 186)
- Language
- German, English, Hebrew
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186 6. Kongreßsitzung: Ansiedlung deutscher Juden ERSCHÜTTERUNG DER WIRTSCHAFTSLAGE DEUTSCHER JUDEN. Bevor ich auf die Existenzmöglichkeiten in Palästina eingehe, will ich mit wenigen Strichen skizzieren, welche wirtschaftlichen Wunden den deutschen Juden in den letzten Monaten geschlagen wurden. Von den deutschen Juden gehörten dem Berufe nach etwa zehn Prozent zu den Beamten und freien Berufen, etwa 50 Prozent zum Handel, etwa 20 Prozent zu Handwerk und Industrie und 20 Prozent zu verschiedenen anderen Berufen. Durch die Gesetzgebung der deutschen Regierung, welche einen großen Teil der jüdischen Beamten ihres Amtes entsetzt, einem großen Teile der Notare und Rechtsanwälte die weitere Fortführung ihres Berufes verboten, einem Teil der Ärzte die Krankenkassenpraxis entzogen und viele andere Verbote und Erschwerungen eingeführt hat, ist dieser Stand in katastrophaler Weise betroffen worden. Menschen, die 20 Jahre ihres Lebens einem bestimmten Berufe nachgegangen sind und sich darin spezialisiert haben, sind von einem Tage zum anderen ihrer Betätigungsmögiichkeit beraubt worden. Aber selbst diejenigen, welche von den gesetzlichen Verboten nicht direkt betroffen werden, haben dadurch, daß im allgemeinen der jüdische Rechtsanwalt oder Arzt zu einem Menschen minderen Rechtes gestempelt wurde, ihr Ansehen und einen großen Teil ihrer Kundschaft verloren. Ich bin der Ansicht, daß nur ein kleiner Teil der Angehörigen der freien Berufe seinen Lebensunterhalt in Deutschland weiterverdienen kann. Die Schicht der Angehörigen der freien Berufe ist sicherlich diejenige, welche die schwere Hand der deutschen Regierung am schlimmsten getroffen hat. Aber die Folgen der gegenwärtigen Politik, welche sich gegen den Juden als Volksfremden oder als Volksschädling richtet, berühren auch die Juden in allen anderen Berufen. Die Propaganda gegen das Kaufen in jüdischen Geschäften hat besonders in vielen kleineren Städten die jüdischen Kaufleute ruiniert. Mit ihnen sind auch ihre jüdischen Angestellten brotlos geworden. Ebenso wirkt sich in der Industrie und im Handwerk die Propaganda gegen jüdische Waren und besonders die Tendenz, keine Aufträge zur Warenlieferung an jüdische Unternehmungen zu geben, in unheilvoller Weise aus. Die indirekten Folgen der neuen Gesetzgebung sind für die Juden wirtschaftlich fast noch verheerender als die direkten Folgen. Sie lassen sich nicht zählen und messen. Aber man begegnet ihnen, wenn man das wirtschaftliche Leben in Deutschland prüft, auf Schritt und Tritt. Zurzeit lebt noch ein Teil dieser Leute, die ihres Einkommens ganz oder teilweise beraubt sind, von der Substanz ihres Vermögens. Deshalb tritt die Notlage noch nicht so kraß hervor. Man kann aber die Monate zählen, nach welchen bei vielen diese Reserven aufgezehrt sein werden. Dann wird sich erst das materielle Unglück in seiner ganzen Größe zeigen. Es gibt in Deutschland etwa 8000 jüdische Ärzte, etwa 4000 Rechtsanwälte, 2000 Zahnärzte und Zahntechniker, Tausende von Ingenieuren, Beamten, Lehrern, Apothekern, Journalisten, Schauspielern. Es gibt viele Tausende von jüdischen Warengeschäften in den kleinen und mittleren