Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 178)
- Language
- German, English, Hebrew
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178 6. Kongreßsitzung: Referat über Lage der Juden diese Konstellation ungefähr so: „Wieviel besser wäre wohl der Zionismus, wenn man sicher wüßte, wieviele Juden man in den nächsten zwei Jahren — Kongreßperiode — nach Palästina bringen könnte! Dann könnte man sich damit einrichten, die Emigrierenden zweckmäßig zu organisieren, brauchte nicht alle anderen, die im Lande bleiben müssen, damit zu sehr aufzuregen, finge nichts Unmögliches an, würde aber auch befähigt sein, das Ausmaß palästinensischer Möglichkeiten zu finden." Es ist vorteilhafter, wenn man weiß, woran man sich halten kann und im klaren ist, was möglich und was unmöglich ist, als wenn man sich blindlings an Formen hält, die keiner Realität des Moments entsprechen. Von der anderen Seite her gesehen, würde aber wahrscheinlich in diesem Falle für die meisten Zionisten ihr Leben unter einem unerträglichen Druck einer fixen Ziffer stehen. Man darf nicht vergessen, daß eine nationale Bewegung nicht mit dem Rechenstift einer Aktiengesellschaft kalkuliert werden kann. Sie soll den Impuls zur Gründung von Aktiengesellschaften geben, aber sich selbst in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, wäre ebenso monströs wie unmöglich. Im Objektiven stünde jenen angedeuteten Vorteilen gegenüber, daß unzählige Leistungen um der Tatsache willen ausfielen: daß der Mensch sein Höchstes gerade nur dann leistet, wenn er mehr unternimmt, als er leisten kann. Und im Subjektiven steht es angesichts der allgemeinen Strömung nach Palästina doch wohl so, daß die Angst vor dem Zurückgewiesenwerden und die Bedrücktheit durch die Beschränkung und die Unvermeidlichkeit einer Ablehnung der meisten Alija-Bedürftigen nur dank der Elastizität der Möglichkeiten auf ein erträgliches Maß gebracht wird, auf dasjenige, das dem Durchschnittszionisten, insbesondere dem Alija-Kandidaten (in Polen sind diese beiden Begriffe, sofern die Jugend in Betracht kommt, fast identisch) gewissermaßen den inneren Bewegungsspielraum für Kampf, Analyse, Problematik, Lebensfreude, Kraftentfaltung und Produktivität sichert. Der Versuch, das Imponderabile in ein ziffernmäßiges Projekt einzuklammern, mag einen wissenschaftlichen Anstrich haben, ist aber im Grunde antiwissenschaftlich, namentlich antipsychologisch. Es ist dies vielleicht der bedeutsamste Fall einer Form, die zionistische Gesinnung und das Palästina-Diasporaverhältnis in allen jüdischen Massenzentren, besonders in Polen hestimmt; daß eine prinzipielle Grundlage für Theorie und Praxis zweifellos feststeht, während ihre Ausgestaltung und Handhabung, wie sie für die konkreten Lebensinstitutionen der einzelnen oder der Massen erforderlich wären, problematisch und offen bleiben müssen. Denn welche Formen sich auch ergeben werden, können wir nur mittels empirischen Aufsuchens ohne irgendeine gleich apriorische Garantie und eigentlich nur in Hypothesen aussagen, der prinzipielle Besitz unbedingt sicherer zionistischer Erkenntnisse verhilft uns nicht zu einem auch nur annähernd sicheren Wissen darum, welche Bedingungen und wie wir sie bei allen Verbesserungen oder gar Systemwechseln imstande sein werden zu schaffen und wieviele neue Systeme das gleiche Schicksal haben werden wie die alten. Neben aller notwendigen Klarheit, Praktizität und übersichtlichen Berechenbarkeit jedes einzelnen Unternehmens spielt das Unbewußte in