Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 176)
- Language
- German, English, Hebrew
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176 6. Kongreßsitzung: Referat über Lage der Juden bessere wirtschaftliche Struktur und vor allem — Geld. Das Geld kann auch gut angelegt und fruchtbringend werden. Das ist nicht banal aufzufassen. Die Verarmung der polnischen Juden, ein Phänomen der letzten Jahre, hat alles überstiegen, was Nordau seinerzeit als Judennot bezeichnet hat. Das ist ein Problem, dem wir nicht nur vom Standpunkt der Diaspora, sondern auch vom Standpunkt des Jüdischen Nationalheims besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. b) Wirtschaftliche Lage. Das Problem des pidischen Massenelends. Von der furchtbaren wirtschaftlichen Krise sind die Juden Polens härter getroffen als die Nichtjuden. 70 Prozent der Nichtjuden leben vom Ackerbau. Für die letzteren ist die Krise eine Folge des Sturzes der Preise für Bodenerzeugnisse. Ein Bauer, der z. B. 30 Morgen Land besitzt, hat jetzt geringere, viel geringere Einnahmen als er früher in normaler Zeit hatte. Trotzdem leidet er keinen Hunger; er hat genug Nahrungsmittel für sich und seine Familie. Nur kann er es sich während der Krise nicht leisten, sich ein Paar Schuhe zu kaufen, er muß daher in geflickten Schuhen herumgehen und dergleichen. Aber sein Besitz geht ihm nicht verloren, sein Boden bleibt ihm, er leidet und muß nur auf die Befriedigung mancher Bedürfnisse verzichten. Sieben Prozent der nicht jüdischen Bevölkerung steht im Dienste der Regierung auf allen Gebieten der Bürokratie und in allen Verwaltungszweigen: Diese beziehen ein knappes Gehalt, sie ernähren sich kümmerlich, aber sie erhalten sich! Sie gehören fast alle verschiedenen wirtschaftlichen Vereinen und Genossenschaften an und ein Teil von ihnen hat noch manche Nebeneinkünfte. Sie leiden, aber sie gehen nicht zugrunde. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Großgrundbesitzer nicht ihr Hab und Gut verloren haben. Es geht ihnen schlecht, sogar sehr schlecht, sie können schwerlich ihr budgetäres Gleichgewicht erhalten, aber sie erhalten sich. Hingegen ist die Krise unter den Juden eine Katastrophe, für die es in keiner Periode der Vergangenheit eine Parallele gibt. Die Juden haben ihr bißchen Geld verloren. Die Mittelklasse ist ganz ruiniert. Für den Handel ist Betriebskapital nicht oder fast nicht vorhanden, und sollten auch die Getreidepreise steigen, so ist es sehr zweifelhaft, ob dies den Juden bedeutend helfen würde. Nun findet das System der Vergesellschaftung und der Verstaatlichung mehrerer Industriezweige große Verbreitung und rasche Anwendung — ein System, von dem schwerlich mit Bestimmtheit behauptet werden kann, ob es vom Standpunkte der allgemeinen Staatsinteressen nützlich oder schädlich ist. Aber es ist eine Tatsache, daß jeder Übergang einer Industrie in den Bereich des Staates oder eines großen Konzernes als notwendige Folge eine große Verminderung, wenn nicht ein Verschwinden jüdischer Beteiligung und jüdischer Arbeit nach sich zieht. Die Ausfuhr nach Rußland hat aufgehört. Bares Geld ist eine Seltenheit geworden. Man zahlt mit Wechseln, nicht nur im Laden, sondern auch im ärztlichen Kabinett, oder für Zeitungsabonnement, selbst für die Stempelmarken der Wechsel, die man ausstellt. Wenn zwei Menschen einander begegnen, so kann man sicher sein, daß in den meisten Fällen der eine den anderen um ein Darlehen, wenigstens um ein Giro bittet. Das Ende ist ein unendlich langes Schlangestehen für