Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 175)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow 175 Als Zionisten berühren wir uns auch noch in einem tiefen Zusammenhange mit Polen in unserer vorbehaltlosen Hingabe an das Prinzip der Nationalität. Die polnische Regierung hat mir eine Erklärung zugunsten des Zionismus gegeben, die ein würdiges Seitenstück zur Balfour'schen Deklaration darstellt. Mehrfach hat sich Polen bemüht, im Rahmen der obwaltenden Gesetze und in einem friedlichen Geiste uns in Genf zu helfen. Das sind Tatsachen, die jeder vernünftige Politiker hoch einschätzen muß. Wir Zionisten sind keine Schmeichler, die bei jedem freundlichen Worte eines nichtjüdischen Freundes gleich in Ekstase geraten! Wir sind stolze und harte Männer. Aber wir sind auch keine systematischen Nörgler und ewigen Brummbären. Wir sind treue Freunde. Was wir hier mit Genugtuung feststellen wollen, ist, daß die Stellung der polnischen Regierung gegen Pogrome, Verfolgung und antisemitische Agitation und für eine friedliche Entwicklung ist. Das heißt nicht, daß die Juden Polens nicht mehr für ihre Minderheitsrechte und Emanzipation zu kämpfen haben. Eine günstige Stimmung von außen her berechtigt zu guten Hoffnungen, nicht aber zu chimärischen Erwartungen. Es ist geradezu ein Gebot der Notwendigkeit, daß unsere Brüder in Polen ihren legalen Kampf weiterführen. Emanzipation ist eben nicht eine Sehnsucht nach einem erdenfernen Paradies, sondern eine Bewegung von Mühe und Arbeit, ein Kampf ums Dasein. Welche Schwierigkeiten und Widerstände in Polen zu überwinden sind — diese Frage gehört nicht hierher. Die polnische Judenheit hat ihre politischen Führer, ihre öffentliche Meinung, ihre jüdische Landespolitik überlassen. Es wäre hochmütig, von hier aus ihre Gemeinden und Institutionen und diesen können wir vertrauensvoll den maßgebenden jüdischen Faktoren Ratschläge zu erteilen. Mich störte immer die protektionistische, väterlich-patronisierende Pose, die manche ausländische Individuen oder Gruppen den polnischen Juden gegenüber anzunehmen pflegen. Dieses kindische Vorurteil herrschte auch in der allgemeinen Welt. Ich erinnere mich an manche „zivilisierte Europäer", die am Anfang der Nachkriegsperiode nach Wärschau reisten, Vorräte an Konserven und Seife mit sich führten, mit einem Revolver zum Schutze gegen Banditen und — Wölfe! Wie mußten diese Snobs erstaunt sein, als sie die wunderschöne Residenz an der Weichsel erblickten! Ebenso naiv ist die Vorstellung über die Unwissenheit oder die Rückständigkeit der polnischen Juden und daß der Herr Soundso oder die Delegation Soundso von ihrer Höhe herabsteigen müßten, um diese Juden, die nichts wüßten, aufzuklären. In Wirklichkeit sind die polnischen Juden über alles informiert, vielleicht sogar überinformiert. Nicht nur, daß sie um alles wissen, sie wissen auch alles besser. Dieses Besserwissen liegt in einem weit verbreiteten Intellektualismus, in einem Hang zur Analyse, in einer großen Wissensgier und in einem rasch arbeitenden Denkapparat. Auf jeden Fall ist es höchste Zeit, mit dem westeuropäischen oder amerikanischen patronisierenden System den polnischen Juden gegenüber aufzuräumen. Die polnischen Juden sind großjährig geworden. Sie werden Fehler machen, denn ein Volk macht Fehler; sie werden manche Sünde begehen, denn ein Volk begeht Sünden. Denn sie sind ein Volk. Nur brauchen sie einen ökonomischen Umschichtungsprozeß, eine neue und