Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 174)
- Language
- German, English, Hebrew
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174 6. Kongreßsitzung: Referat über Lage der Juden Die Zeiten haben sich Gott sei Dank geändert, sowohl für Polen, wie für polnische Juden. Für manche Unglückliche ist ein polnischer Paß jetzt ein Talisman geworden. Ist doch Polen ein bedeutender, selbständiger europäischer Staat geworden, dessen jüdische Bevölkerung der Anzahl nach nur von den jüdischen Massen der Vereinigten Staaten Amerikas überflügelt worden ist. Auch gibt es zahlreiche jüdisch-polnische Gemeinden in verschiedenen Ländern außerhalb Polens, die manchmal, und insbesondere, wenn irgendeine Krise im Gange ist, den größten Teil der Klientel für die Vertreter der polnischen Republik im Auslande ausmacht. Ich konnte die Tätigkeit dieser Vertreter besser beobachten als die Tätigkeit der Regierungsverwaltung in Polen selbst, weil ich seit vielen Jahren außerhalb Polens lebe, in England naturalisiert bin und mich mit der inneren polnischen Politik zu befassen nicht berechtigt bin. Trotzdem zähle ich mich zu den „polnischen Juden", weil ich und eine lange Reihe meiner Vorfahren dort geboren sind, weil ich dort lange gelebt habe. Vielleicht auch deshalb, weil eben „polnischer Jude" ein Schimpfwort war und immer noch ein gewisses Odium daran hängt. Aber ich hüte mich, bei diesem meinem Gefühl so nahen Thema weichlich sentimental zu werden. Ich will nur einige Daten und historische Tatsachen feststellen. Als Juden verbinden uns mit Polen fast tausendjährige Erinnerungen an gemeinsame Geschicke. Wir hatten in Polen Jahrhunderte großen materiellen und moralischen Aufschwungs. Wir erlebten auch schwere Zeiten, Verfolgung und Elend. Aber die Perioden des Wohlstandes waren vielleicht länger als die der Not. Im Laufe mancher Jahrhunderte war Polen uns gegenüber viel liberaler als die Nachbarländer. Polen hat nie seine Geschichte durch eine Vertreibung der Juden befleckt. Im Gegenteil: durch die Hereinlassung eines Judenzuflusses aus anderen Ländern wurde Polen ein Massenreservoir für die jüdische Welt und hat hiedurch positiv für die Erhaltung unserer Nation mehr geleistet, als irgendein anderes Land zu leisten imstande war. Gewisse Ansätze einer jüdischen kulturellen Autonomie sind in Polen mehr als irgendwo anders im Waad Arba Arzoth in Erscheinung getreten. Die Teilung Polens war auch für die polnische Judenheit ein Zerfall in Assimilation (preußischer Teil), Verarmung (galizischer Teil) und Unterdrückung durch Despotie (Kongreßpolen). Eine polnische Gesamt judenheit, wie sie früher noch im Waad repräsentiert war, hätte manchen Zerstörungen vielleicht durch unzersplitterte Kraft entgehen können. Ich muß auf diesen historischen Hintergrund hinweisen, denn anders kann man das gegenwärtige Verhältnis der Juden zu Polen nicht verstehen. Dieses Verhältnis wurde oft durch Agitation gestört und bleibt immer der Gefahr von Störungen ausgesetzt. Gegenwärtig ist dieses Verhältnis relativ günstig. Ich glaube, daß dieses politisch günstige Verhältnis den besseren Traditionen Polens entspricht und daß es tiefere Wurzeln in der Geschichte und im Volksgenius hat als die entgegengesetzten Tendenzen der Gemütsroheit oder der Monomanie, die ihren Ausdruck findet in der knappen Formel: „Die Juden sind an allem Unheil schuld." Aber noch hängt der Himmel nicht voller Geigen und die Reaktion lauert noch immer.