Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 172)
- Language
- German, English, Hebrew
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172 6. Kongreßsitzung: Referat über Lage der Juden Es erscheint uns als einer der verhängnisvollsten Irrtümer des Bolschewismus, in dieser ungerechtfertigten und rücksichtslosen Weise der jüdischen Religion, die den Juden das Höchste ist, dem Hebraismus, der die Quintessenz seiner Kultur, und dem Zionismus, der seine Selbsthilfe und seine Zukunft darstellt, offen oder — was noch schlimmer ist als deutlich formulierte Vorschriften — durch die Schaffung einer feindlichen Atmosphäre entgegenzutreten. Diese Frage läßt sich nicht bloß mit kalter Verstandesmäßigkeit, nicht nur rationalistisch lösen, es schwingen bei ihr auch viele Stimmungen und Gefühlsmomente mit. Eine bedeutende Anzahl unserer Gesinnungsgenossen schmachtet noch in Todesnot in den Gefängnissen und in den Verbannungsorten des fernsten Sibirien, einzig und allein, weil sie dem Gebot ihres nationalen und religiösen Gewissens folgend, den Versuch gemacht haben, sich zionistisch zu betätigen. Wie kann man ein solches Unrecht verantworten? Als einige englische Ingenieure, nach der Überzeugung Englands unschuldigerweise, verhaftet und verurteilt worden sind, wurde der ganze diplomatische Apparat beider Großmächte in Bewegung gesetzt, hundert Unterhandlungen geführt, Noten gewechselt usw., bis die Beschuldigten freigelassen wurden. Uns liegt der Gedanke fern, an dieser Aktion irgendeine Kritik zu üben. Wir haben volles Vertrauen in den Gerechtigkeitssinn beider Regierungen und freuen uns als Friedensfreunde über die friedliche Lösung. Allein auf dem Wege der Analogie drängt sich die Frage auf, ob, wenn man nicht eine Großmacht und nicht einmal eine Kleinmacht, sondern ein kleines Volk und eine Organisation von Idealisten ist, wie wir es sind, ob man in einem solchen Falle nicht eine gerechte Befreiung, oder eine Revision, die zur Befreiung von unschuldigen Menschen führen mag, mit Erfolg fordern kann von einem Staat, der sich als permanente Revolution gegen Despotie und Unrecht betrachtet? (Beifall) Mit Recht schwang Nordau seinerzeit seine blitzende Geißel gegen die frühere zaristische Regierung Rußlands. In der Tat hatte kein Volk unter den Völkern Rußlands so schwer seitens jener „Macht der Finsternis" gelitten, wie das unsrige. Nicht nur von Pogromen — das ist nicht das alltägliche Übel — aber Tausende von Paragraphen umzingelten uns, hielten Wache vor uns; wir waren von Ausnahmegesetzen umstellt — jedes „Gesetz" ein Käfig. Raubtiere haben keine Ahnung, in wieviel solcher Käfige ein Mensch eingesperrt werden kann. Jeder Schritt stieß auf Verbote. Nunmehr ist „Babel" gefallen. Die Stunde der Vergeltung hat geschlagen. Sic transit gloria mundi! Ein seltsames Gesetz der Geschichte will es, daß wir immer Vorkämpfer der Kultur und der Freiheit gewesen sind, Verfechter einer aufwärts führenden Entwicklung. Der im Vordertreffen erstrittene Sieg wurde uns manchmal geneidet oder strittig gemacht — wir kümmerten uns nicht darum. Daß wir aber noch jetzt in der Atmosphäre extremer Freiheit als Juden und Zionisten leiden sollen, wir, die früheren Opfer und Märtyrer der Despotie — das widerspricht den elementarsten Gesetzen — nicht nur abstrakter Gerechtigkeit, sondern auch jeder wohlverstandenen Staatsraison! Wir sind hier nicht versammelt, um an irgendeinem Volke oder an