Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 171)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow 171 such ist viel bescheidener: ein Orientierungsversuch, auf Beobachtungen der letzten Jahre gegründet: kein Universalbild mit grandiosen Effekten, für eine Weltausstellung bestimmt, sondern eine anspruchslose Beschreibung, die schildert, welchen Eindruck die jetzige jüdische Welt, 36 Jahre nach jener Nordau'schen Rede von 1897, auf einen beobachtenden Zionisten macht — und die entsprechenden Schlußfolgerungen für unser Gegenwartsprogramm. 1. DIE JUDENHEIT RUSSLANDS. Das russische Judentum, einst so aktiv, in jüdischer intellektueller Tätigkeit fast führend, ist zu einem toten Punkt herabgesunken. Unser Gefühl bäumt sich auf gegen die Verfolgungen, denen der Zionismus ausgesetzt ist. Ein Schrei des Entsetzens entringt sich unserer Brust gegen die sinnlose Ausschaltung der hebräischen Sprache aus der jüdischen Erziehung und dem jüdischen Leben. Die Angriffe auf die jüdische Religion erinnern an die Zeiten Hadrians und können keineswegs mit dem Prinzip der Gewissensfreiheit in Einklang gebracht werden. Entjuden bedeutet für uns entmenschen. Juden können sich nicht von ihren historischen, kulturellen, religiösen und nationalen Beziehungen straflos loslösen. Ein Zustand jüdischer Beziehungslosigkeit ist undenkbar. Wir können es nicht zulassen, daß die russische Judenheit, die wackere und verdienstvolle russische Judenheit, national und kulturell aus dem Buche der Lebenden moralisch nachkommenlos gestrichen werden soll. Die Ausrottung der ältesten Sprache der Kulturwelt ist Vandalismus. Weshalb soll der Zionismus in Sowjetrußland verboten sein und seine Anhänger verdächtigt, angeklagt und grausam bestraft werden? Aus den Brutstätten einer Zionistenhetze der Jewsekcija, von einer Gruppe assimilatorisch-kommunistisch jüdischer Propagandisten ist das Gerücht verbreitet worden, der Zionismus sei „antirevolutionär". Wir wissen nichts davon. Wir wissen im Gegenteil, daß der Zionismus keinerlei Politik in Bezug auf Rußland seinen Anhängern je diktiert oder empfohlen hat; daß er auf einer ganz anderen Ebene liegt, daß er eine große Idee ist, die in der jüdischen Geschichte lebt und wie ein Keim im Herzen der russischen wie auch jeder anderen Judenheit schlummert, und daß er nur der Organisation bedarf, um zur herrlichsten Blüte zu gelangen. Zionismus ist Selbstbefreiung. Wir wollen keine Werkzeuge für die anderen, wir wollen unsere eigenen Werkzeuge sein. Bei aller Achtung vor dem Sowjetstaat darf man doch nicht vergessen, daß jeder Staat etwas ist, was man schaffen oder abschaffen kann; er ist eine gemachte Wirklichkeit. Ein Volk aber ist eine natürliche Wirklichkeit. Ein Volk läßt sich weder machen, noch vernichten. Fest stehen die Grundpfeiler des Zionismus in jüdischer Gesinnung in Rußland trotz aller Verfolgungen. Glaubt man daran nicht, so möge man doch die Probe machen! Ein klein wenig Freiheit für Versammlung, Schrift und Rede: dann wird man sehen! Die drei Millionen Juden Rußlands sind in unserer Literatur, in unserer Presse und auf unseren Zionistenkongressen verstummt; das ist eine neue Nordau'sche Judennot!