Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 170)
- Language
- German, English, Hebrew
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170 6. Kongreßsitzung: Referat über Lage der Juden REFERAT ÜBER DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER JUDEN IN DER WELT. DR. NAHUM SOKOLOW (Präs. d. Zion. Org. — spricht jüdisch): Hochgeehrter Kongreß! Der alte Sinnspruch, „daß sich die Weltgeschichte wiederhole", bewährt sich heute. Wir sind angesichts der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes in der Welt hier versammelt, wie wir vor 36 Jahren in Basel versammelt waren. Die jetzige Lage der Juden in der Welt hat manches Gemeinsame mit der Lage vor 36 Jahren, die einzigen unähnlichen Züge bestehen darin, daß die Lage sich bedeutend verschlim- - mert hat. Anläßlich der historischen Gelegenheit des ersten Kongresses hielt unser berühmter Meister, der selige Max Nordau, seine denkwürdige Rede über die Lage der Juden in der Welt. Daran will ich anknüpfen. Das Stück Menschengeschichte, das wir jetzt durchleben, zeigt ein viel verwickelteres und verworreneres Gewebe als zur Zeit, da Max Nordau jene Rede hielt. Jahre sind vergangen — bis der Weltkrieg kam. Throne sind seitdem gestürzt und neue Staaten errichtet worden — untergegangene Staaten sind wiederhergestellt, die Säulen der Erde zitterten, das Gesicht Daniels von den vier Winden, die auf dem Völkermeer widereinander stürmten, schien sich erfüllt zu haben. In ein Kampffeld verwandelte sich die Welt. Da kam die gewaltige Korrektur der politischen Landkarte. Verschwunden sind Zare, Sultane und Kaiser. Der Zionismus ist zu einem verbrieften Völkerrecht geworden, Minoritätsrechte Millionen von Juden gewährleistet. Nachher begann die kritische Nachkriegsperiode, in der wir noch stecken. Zahllos sind die durcheinander schwirrenden Fäden sich auflösender und neugestaltender politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, nationaler, sittlicher Bildungen. Unsere sozialen Anschauungen haben sich neu gestaltet, unser Wirtschaftsleben, das sich einst in den engsten Rahmen schmiegte, findet die Grenzen der unmittelbaren Umgebung zu eng, neue Begriffe, neue Forderungen, neue Menschen, Parteien und Völker tauchen im politischen Leben empor. Der Blick, der einst nicht über die Grenzen des Ghetto oder des eigenen Emanzipationslandes hinüberdrang, sucht das Weltjudentum zu erfassen und seine Zusammenhänge mit den fernsten Ländern zu erkennen. Die langjährige Erfahrung, die große Menschenkenntnis, der niemals trügende scharf- und weitsichtige Blick eines Nordau für das Gegebene, für die vorhandenen wie für die latenten Kräfte des realen Völkerlebens würde dazu gehören, ein klares Bild von dem gegenwärtigen Wirrwarr der Erscheinungen, der Kräfte, der Gesichtspunkte zu geben. Ich habe eine zu große und ideale Auffassung von jener Nordau'schen Rede, die ich gehört, die ich erlebt habe, als daß ich die Vermessenheit haben könnte, mich etwa an eine Rivalität oder auch nur an eine Nachahmung heranzuwagen. Die jüdische Lage ist jetzt trotz großer Analogien eine andere und ich könnte gar nicht, auch wenn es mein Wunsch wäre, entsprechende Farben der Nordau'schen Palette, mit dem bekannten Ausspruch „Anch' io sono pittore", für meine Skizze entlehnen. Mein Ver-