Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 61)
- Language
- German, English, Hebrew
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Brodetsky 61 Nehmen Sie die Lage in Deutschland. Hier haben wir ein Land, wo Hunderttausende von Juden viele Jahrhunderte gelebt haben und sich mit dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau des Landes in einer Art identifizierten, wie es in keinem anderen Lande bei den Juden der Fall war; hier haben wir ein Land, in welchem der moderne Begriff der Assimilation geboren und entwickelt und nahezu zur Vollendung ausgestaltet wurde; hier haben wir ein Land, worin das Ideal des Juden, alles, was er hat, seinem Vaterlande hinzugeben, mehr als erfüllt worden ist. Und doch wurden durch einen Federstrich diese Hunderttausende von Juden in eine Lage geschleudert, für welche es in unserer Geschichte seit Jahrhunderten keine Parallele gibt. Zehntausende deutscher Juden mußten bereits auswandern, sie finden aber ringsum alle Türen geschlossen. Die Straßen der Welt sind wieder einmal mit jüdischen Wanderern übersät, die keinen Weg wissen, weil es kaum irgendwo einen Ort gibt, wo man sie einläßt. Ich beklage mich nicht über die Völker der Welt. Vielleicht machen es die wirtschaftlichen Probleme der verschiedenen Länder mit ihren Millionen Arbeitslosen ihnen unmöglich, ein paar Tausend unglückliche Juden einzulassen, obgleich die Geschichte immer wieder gezeigt hat, daß jüdische Einwanderung, selbst in einer Zeit größter Wirtschaftsnot und vielleicht gerade in einer Zeit größter Wirtschaftsnot, den Ländern, die sie zuließen, große Vorteile gebracht hat. Aber alle TLore sind geschlossen. Ich bin Mitglied eines Komitees in London, das die Aufgabe hat, Mittel zu finden, um Juden in verschiedenen Ländern der Welt unterzubringen, und die Berichte, die wir erhalten, sind herzzerreißend. Wir brauchen Zuflucht für Zehntausende und die freien Plätze zählen nach Dutzenden, bestenfalls nach Hunderten. Die einzige Ausnahme ist Palästina. Das ist keine Uebertreibung, es ist buchstäbliche Wahrheit. Man braucht kein Zionist zu sein, um dies zu sagen. Nichtzionisten sagen genau dasselbe und sagen es vielleicht mit stärkerem Nachdruck als wir, die wir an die Schwierigkeiten der Ansiedlung in Palästina gewöhnt sind, sie kommen zu uns und verlangen Zertifikate für diese deutschen Juden und vergessen, daß nicht wir über die Zertifikate für Palästina verfügen, und vergessen auch, daß es noch nicht so lange her ist, seit sie über die närrischen Zionisten lachten und sich weigerten, mit ihnen zu gehen, vielleicht sogar Hindernisse in unseren Weg legten, wenn wir versuchten, Palästina für das verfolgte Judentum vorzubereiten. Was bedeutet dies? Ob das Mandat etwas über die Judenfrage sagt oder nicht, diese Frage ist jedenfalls die entscheidende für Palästina. Hätte jemand eine Zionistische Organisation gegründet, hätte man eine Balfour-Deklaration erstrebt und erreicht, hätte die Friedenskonferenz in Paris die Forderung der jüdischen Vertreter gehört und hätte man das Mandat Großbritannien erteilt zusammen mit dem Auftrag, die Einwanderung von Juden nach Palästina zu erleichtern, wenn es nicht geschehen wäre, weil klar war, was Palästina für die Judenfrage bedeutet? (Beifall.) Der Zionismus hätte geringe Be-