Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 33)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow 33 Die Neunmalweisen auf der gegnerischen Seite machten sich über den „Sultankultus" lustig. Einseitig, wie sie waren, verstanden sie es nicht, zwischen notwendiger momentaner Taktik und der Verwirklichung ewiger Gerechtigkeit zu unterscheiden. Wir, die wir jüdisch-geschichtlich denken, hatten nie vergessen, daß in einer schweren Zeit, nach 1492, ein mohammedanischer Monarch es war, der die jüdischen Flüchtlinge in sein Land eingeladen hatte. Aber 1897 war keine Epoche der Sentimentalität mehr. Zwei Millionen Pfund wurden von Herzl für eine Anleihe verlangt, und davon haben wir kaum den zehnten Teil aufgebracht. Unser Volk ist das ärmste, das notleidendste und trotzdem das freigebigste Volk auf Erden. Die Aermsten sind mit ihren Notpfennigen herbeigeeilt, aber die Allerreichsten, mit Ausnahme des ganz vereinzelten, beispiellosen Koloniegründers Baron Edmund von Rothschild, standen meist ferne oder steuerten verhältnismäßig wenig bei. Und doch war damals noch in den Kassenschränken der Millionäre Gold aufgespeichert. Da waren noch die für ein großes Kolonisationsunternehmen und für einen Juden-Exodus ursprünglich bestimmten vielen Millionen des Barons von Hirsch, da waren noch die Millionen der deutschen und österreichischen und sogar einzelner russischer Juden, bevor sie durch Kriege, Revolutionen, Krisen und Devalvationen in alle vier Winde verstreut wurden. Aber nur ein verschwindender Teil wurde in Lokal-Philanthropie verzettelt. Herzl hatte die hellseherische Gabe, dem Nimbus der prophetischen Strafreden einen modernen Schimmer zu verleihen, indem er diese Philanthropie geißelte. Er verstand es, daß ein Judenproblem existiert und daß es durch das Judentum selbst unter Mitwirkung der ganzen Welt öffentlich-rechtlich gelöst werden muß, weil wir sonst durch die Gefahr wildester Lösungen bedroht sind. Dem tiefen Sehnen nach einem freien, lebendigen Judentum, dem heißen Verlangen, aus der Dürre des im Galuth erstarrten Volkstums heraus zu den frischen Quellen des Stammlandes zu gelangen, gewährte der große liebeglühende Mann die moralische Befriedigung, als er sagte: „Wir, die heimgekehrten Söhne, finden im väterlichen Hause manches, was der Besserung bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefsten Stufen des Elends". Ich bin sicher und bezeuge es, als bescheidener Mitarbeiter Herzls, daß er, als er von den „tiefsten Stufen des Elends" sprach, nicht von seiner Zeit einfach wie ein Berichterstatter, sondern von einer späteren Zeit sprach. Das liegt auf der Hand. Denn solange die Vereinigten Staaten von Amerika und die meisten anderen Staaten der Welt jüdischen Flüchtlingen offenstanden, waren die „tiefsten Stufen des Elends" noch lange nicht erreicht; es war lediglich eine Schiffskarten- und Transportfrage, und die damit verbundenen Kosten wurden von der Philanthropie gerne aufgebracht. Man schrieb damals 1897. — 1933 hätte man schreiben sollen! Denn Herzls Worte sind ein Spiegelbild unserer jetzigen Lage. Er hätte auf diesem Kongreß sprechen sollen! Siehe, die Herzischen „tiefsten Stufen des Elends" stehen jetzt vor unseren Augen!