Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 18 (1934) Prag, 21. August bis 4. September 1933
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 32)
- Language
- German, English, Hebrew
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32 /. Kongreßsitzung: Eröffnung der Natur jener Doktrin, die im emanzipierten Judentum so verbreitet war, in der Assimilation. Eine Assimilation ist vergeßlich und liebt zu vergessen. Aber ein Volk kann nicht vergessen und darf sich nie, mit Bezug auf seine Gegner, in Optimismus wiegen. Hier liegt der tiefe Unterschied zweier Weltanschauungen: einer kollektiven historischen Kontinuität, die auf ein starkes Gedächtnis angewiesen ist, und einer fragmentarischen Reproduktion, die sich im Augenblick auslebt und die auf Gedächtnislosigkeit eingestellt ist. Die starre Hülse der Gleichgültigkeit, die sich damals um unsere Assimilation gelegt hatte, war ein Symptom dieser Vergeßlichkeit und unser ärgster Feind. Das wird der Hauptschuldposten jener Assimilationsepoche im Buche der jüdischen Geschichte sein. AN DAS JÜDISCHE VOLK. Jüdisches Volk! So kann es aber nicht weitergehen! Die Zeit drängt, man fühlt den Boden unter den Füßen wanken. Wofür es nicht zu spät ist, muß jetzt nachgeholt werden. Es gibt Augenblicke, in denen der Gott der jüdischen Geschichte in Donner und Grausen einherschreitet und gewaltige Ereignisse das Galuthproblem blitzartig beleuchten. Einen solchen Augenblick erleben wir eben jetzt. Ist es möglich, daß so verhängnisvolle Erfahrungen das Gemüt eines so sensibeln Volkes, wie das unsrige, unberührt lassen sollten? Wir sind hier versammelt, tun diese Frage zu beantworten. Der Sinn des Zionistenkongresses besteht eben darin, daß wir öffentlich vor der Welt mit unsren Gedanken, Empfindungen, Klagen, Forderungen, Stärken und Schwächen auftreten. Dies soll besonders der Sinn unseres jetzigen Kongresses sein. Herzl, dessen großer Schatten noch heute unser heimlicher Führer ist, und dessen Geist auf uns niederblickt, sagte in seiner ersten Kongreßrede: „Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art chiliastischen Schreckens ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes". Das waren die Worte Herzls. DIE TRAGISCHE LAUFBAHN DES FRÜHEREN ZIONISMUS. Hoher Kongreß! Ein Frühling hauchte aus diesen Worten. Sie lüfteten den Schleier der Zukunft. Sie haben das jüdische Empfinden auf eine höhere Stufe gehoben. Jedes Ding will seine Entwicklung haben, und die Geschichte lehrt in zahlreichen Beispielen, daß große Wahrheiten sich anfänglich immer nur langsam Bahn brechen konnten, Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte brauchten, ehe sie die Widerstände gebrochen hatten und zur Anerkennung gelangten. Im übrigen war der Dornenweg des Zionismus verhältnismäßig gar nicht so lang. Leider hatte seine Botschaft mächtiger in die allgemeine als in die jüdische Welt hinausgetönt. Manche Sympathien wurden wachgerufen. Jahre vergingen in einem hartnäckigen Ringen um die Gunst eines Sultans.