Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 279)
- Language
- German, English, Hebrew
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276 io. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden im Galuth hat das russische Judentum zerstört. Ich will nicht vom Bürgerkrieg und den Strömen jüdischen Blutes reden, die in dieser Übergangszeit vergossen wurden. Viel größer ist die Katastrophe, die der erdbebengleiche Umschichtungsprozeß,, die tiefgreifende soziale und ökonomische Revolution in diesem Lande mit sich bringt. Das Städtel, der Kaufmann, der Gewerbetreibende, der Intelligenzler — wo sind sie? Freilich hat Sowjetrußland Schritte unternommen, um das jüdische Volk in die neue Gesellschaft einzugliedern, die dort aufgebaut wird- Und wenn wir gerecht sein wollen, so müssen wir sagen, noch keine Regierung hat etwas; Ähnliches in dieser Richtung getan. Es gibt Versuche zur Kolonisierung, zur Einbeziehung von Juden in die Industrie. Aber die große jüdische Masse steht außerhalb des neuen Lebens im Sowjetstaat, ist zu Menschen geworden, zu deren Bezeichnung ein neuer rechtlicher Begriff geschaffen wurde, zu Lischenzi, zu Vogelfreien. Sie können sich nicht rühren, die Grenzen sind geschlossen, zum Tode Verurteilte, hocken sie in ihren Städten und können nicht mehr erreichen, als daß. kleine Gruppen Ihrer Jugend eingegliedert werden in die neue Gesellschaft, daß kleine Gruppen am Leben bleiben dürfen. Es geht ein rapider Assimilationsprozeß vor sich, nicht allein Assimilation, sondern Auflösung, nicht bewußtes Streben, sondern fast natürlicher Prozeß. Die Juden werden aufgesaugt von der neuen Klasse, in die sie eindringen. Das Fundament des jüdischen Lebens, seine besondere religiöse und nationale Form wird zerstört. Tragischerweise kommen die Antriebe dazu von einer Gruppe von Juden, die die Revolution Rußlandsauch im jüdischen Leben durchsetzen wollen und die mit blindwütigem Terror den Juden die Tore des sozialen Paradieses öffnen wollen. Ein neues Volk wollen sie schaffen nach dem Muster der Weißrussen und all der kleinen Kindervölker,, die eben aus den Windeln gekommen sind und ihr Leben beginnen. Sie brechen mit der Vergangenheit des jüdischen Volkes, mit der Tradition, mit dem ganzen Volk, das auf der Welt zerstreut lebt. Eine neue Sprache sprechen sie, nicht das Jiddisch unseres Volkes, sondern eine neue Sprache, gebaut aus diesem Jiddisch, aus dem sie die hebräische Orthographie und die hebräischen Wörter gestrichen und durch russische oder ukrainische ersetzt haben, je nach der lokalen Kultur. Wunderbare Analogien schafft die Geschichte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand auch in Deutschland eine solche Umwälzung im Judentum statt, ein Prozeß der Anpassung an die Umgebung. Das jüdische Leben ging in religiösen Formen vor sich, und so strich man aus dem Siddur das Wort Zion, strich jede Erinnerung an Zion, den Zusammenhang mit dem einstigen freien Leben in Erez Israel, machte aus der Religion eine blutlose Idee, daß sich jeder Millionär auf den Bauch klopfen konnte: er sei Idealist, er sei doch Jude geblieben. Dasselbe geschieht jetzt. Die Religion hat ihre Herrschaft über das jüdische Leben verloren, andere Formen herrschen jetzt und wer keinen Zusammenhang mit Erez Israel hat, für den bleibt die Sprache der einzige Zusammenhang mit dem Volke, die einzige Form des nationalen Lebens. Und aus dieser Sprache will man nun die hebräischen Elemente streichen, um den letzten Zusammenhang zu zerstören. Aber glauben Sie nicht, daß das russische Judentum wirklich so verwüstet wurde. Es hat noch frische Kräfte in sich. Von Zeit zu Zeit erreichen uns in hebräischer Sprache stille Klänge voll Weh und Pein, in hebräischer Sprache schaffen talentvolle Dichter. Es gibt dort eine zionistische Bewegung, die Jugend opfert sich für den Zionismus, sie lebt, um dem jüdischen Willen zu neuem Leben, zu nationaler Freiheit Ausdruck zu geben. Sie geht in die Kerker der G. P.