Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 278)
- Language
- German, English, Hebrew
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Grünbaum 275 jüdische Element als schwer erträglich, besonders wenn es die herrschenden Kreise betrifft, wenn es um die Resultate der Herrschaft geht. Dann beginnt der Prozeß der Verdrängung, ob es sich um die amerikanische Finanzwelt handelt, um <lie Intelligenz Mitteleuropas, um die politisch führenden Schichten Sowjetrußlands- Man möchte fast ein Gesetz formulieren: es gibt für Länder, Völker und Klassen einen bestimmten jüdischen Sättigungsgrad, und wenn dieser „jüdische Sättigungspunkt" erreicht ist, dann beginnt eben der Prozeß der Verdrängung. Sie werden auf die Minderheitsrechte hinweisen, die gerade von uns Zionisten in der Zeit des Krieges postuliert worden sind. Wir verlangten ja nicht nur Erez Israel für diejenigen, die dort hinwandern wollen, sondern auch Rechte für diejenigen Juden, die in der Diaspora bleiben wollen. Das Prinzip des Minderlieitsrechtes hat sich durchgesetzt und ist international garantiert worden. Wir haben gesiegt — aber nur auf dem Papier. Abgesehen von kleinen Staaten wie Estland mit seinen 5000 Juden oder Lettland, wo ebenfalls eine knappe Zahl von Juden, aber auch Deutsche und Russen vorhanden sind und wo die Minderheitsrechte mehr oder weniger realisiert wurden, hat man in den neuen Ländern, den neu entstandenen und den vergrößerten, in denen große jüdische Massen wohnen, auf dem Wege der Realisierung der Minderheitsrechte noch keinen einzigen Schritt getan. Dabei aber reichen nirgends mehr die alten Formen unserer Anpassung aus, wir brauchen nicht nur Aufhebung alter Begrenzungen, wir brauchen positive Rechte, das Recht, die jüdischen Gemeinschaften auf einer neuen nationalen Basis zu organisieren, das Recht, unsere Jugend nach unserem Bedürfnis und in unserer Kultur zu erziehen, soll nicht die goldene Kette zerrissen werden, die die Geschlechter der Vergangenheit und der Zukunft miteinander verknüpft hat bis zu unseren Tagen. Wir brauchen Berücksichtigung unserer Nöte bei jedem Gesetz und jeder Verordnung. Wir, die um diese Dinge zu kämpfen haben, kommen oft in eine tragische Lage. Wenn man Reformen macht, ohne die besondere Lage der Juden, ihre eigentümliche Struktur zu berücksichtigen, so können auch diese menschlich wertvollen und oft wichtigen Versuche Waffen gegen uns werden, und wir müssen gegen sie sein. So wurden Reformen für uns in „Gseroth" verwandelt. Ihr Juden müßt verstehen, sagt man uns dann, hier handelt es sich um einen Segen für Millionen, da müßt Ihr Opfer bringen. Und wir fallen als Opfer- Man müßte endlich aufhören, uns finanziell zu exploitieren, indem man uns schwere Steuern auferlegt, mit denen man alle Bedürfnisse deckt, nur nicht die unsrigen. Oberall in den Ländern der jüdischen Massensiedlung stehen wir im Kampf um unsere individuellen und kollektiven Rechte. Warum nimmt man uns das übel? Jedes Volk darf um seine Rechte kämpfen, den Juden spricht man dieses Recht ab. Vielleicht die Hauptsache dieser Erscheinung ist das Verhältnis des Völkerbundes zum Minderheitenrecht. Er hat es anerkannt, er soll es schützen, aber das war nichts mehr als eine Phrase. Bis heute zeigt keine Tatsache, daß diese Rechte in den maßgebenden Kreisen ernst genommen werden. Von den Änderungen, die der Krieg in der Struktur Europas gebracht hat, trifft uns wohl am meisten die Entwicklung in Sowjetrußland. Das russische Judentum strotzte von Leben und Schöpferkraft. Die meisten kulturellen und politischen Werte, von denen wir heute leben, sind unter Schmerzen ausgetragen worden in der großen jüdischen Massensiedlung des alten Rußland. Die Revolution •18*