Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 277)
- Language
- German, English, Hebrew
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274 io. Kongreß-Sitzung: Referat über die Lage der Juden im Galuth gen unserer Väter erfüllt worden sind. Die formelle Gleichberechtigung ist in allen Ländern außer in den halbselbständigen Nordafrikas und noch einigen Ländern, die wir nicht zur zivilisierten Welt rechnen, Tatsache geworden. Unsere Großväter glaubten, daß die Gleichberechtigung das jüdische Problem lösen werde. Niche daß sie so naiv gewesen wären zu meinen, das würde über Nacht geschehen. Sie wußten, zuerst werde es auf dem Papier stehen, dann aber ins Leben übergreifen. Aber letzten Endes werde die Gleichberechtigung die Judenfrage lösen. Wir Zionisten waren die ersten, die noch vor dem Kriege und von dieser Kongreßtribüne diese Behauptung widerlegten. Zuerst sagte es Achad Haam in der hebräischen Literatur, dann mit donnernder Stimme Max Nordau. Auch in den Ländern mit jüdischer Gleichberechtigung bleibt die Judenfrage bestehen. Man stellte aber fest, dies seien nur geistige Leiden der obersten Zehntausend der Intelligenz, nicht ökonomische oder physische Leiden. Und man glaubte, auch Osteuropa werde dieselbe Entwicklung nehmen. Wenn wir auf den Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa hinwiesen, wenn wir unterstrichen, daß dort konzentrierte jüdische Massen lebten und dies, wenigstens in der Praxis, die Verwirklichung der Gleichberechtigung stören könne, glaubte man uns nicht. Jetzt hat es sich herausgestellt: Die Gleichberechtigung hat die Judenfrage nicht gelöst, im Gegenteil, die Judenfrage besteht und ist noch viel schwerer und viel fühlbarer als sie vor dem Kriege war, als die einstigen rechtlichen Begrenzungen. Als die Juden die Gleichberechtigung erhielten, herrschte in der Welt der Liberalismus. Der Staat und sein Apparat beherrschte nur das politisch-rechtliche Leben, das ökonomische war fast frei von der Einmischung des Staates. In freier Konkurrenz spielten die wirtschaftlichen Kräfte- Die Juden fanden nach der Abschaffung der Beschränkungen ein großes Feld, wo sie mit den herrschenden Kreisen konkurrieren konnten, und mit großen Chancen, weil durch die Not undrVerfolgung von Jahrhunderten ihr Verstand scharf geschliffen, ihre Anpassungsfähigkeit groß und ihre Ausdauer im Kampf um die Existenz stark war. Und deshalb blieben sie in diesem Konkurrenzkampf oft Sieger. Aber als der Liberalismus zurückzugehen begann und der Staat sich immer mehr in das ökonomische Leben einmischte und der regulierende Faktor dieses Lebens wurde, änderte sich die Lage von Grund auf. Was ist Staat? Ein Werkzeug, sagt man, der Unterdrückung in den Händen des herrschenden Volkes oder der herrschenden Klasse oder beider. Aber selbst wenn er nur der Ausdruck der herrschenden Mehrheit ist, das Leben und die Gesetze nach den Bedürfnissen dieser herrschenden Mehrheit reguliert und sich in das ökonomische Leben einmischt, so wird die Konkurrenzfähigkeit der Juden bedrängt von einer Art Protektionismus zugunsten der herrschenden Klasse oder des herrschenden Volkes. Dann werden die Juden in ihren Fähigkeiten beschränkt und ihre Interessen immer zum Opfer gebracht. Sie müssen zurücktreten und das Feld für Menschen der herrschenden Klasse oder des herrschenden Volkes frei machen. Dabei nützt man selbstverständlich die Kraft des gesetzlichen und staatlichen Apparates aus, um die Konkurrenzfähigkeit der Juden zu brechen, oder wenigstens zu schwächen. Das Sonntagsruhegesetz im Osten Europas z. B. hat zwar einen religiösen Ausgangspunkt, ist aber seiner Tendenz nach deutlich ein Versuch der christlichen Umgebung, die jüdischen Konkurrenten auszustechen. Solange die Zahl der Juden klein ist, macht man gern Gebrauch von ihren Fähigkeiten; überschreitet die Zahl eine bestimmte Grenze, so empfindet man das