Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 265)
- Language
- German, English, Hebrew
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262 io. Kongreß-Sitzung: Herzl- und Totenfeier Parteiführer, er erhob sich über die Parteien und wurde wie ein Hohepriester der großbritannischen Politik betrachtet. Er erzählte mir, daß er schon in Disraeli die Größe des jüdischen Genies gespürt hat. Balfour pflegte am Vorabend der christlichen Feiertage alle Mitglieder seiner Familie zusammenzurufen und ihnen Abschnitte aus der Bibel vorzulesen. In dieser Hinsicht hat er Disraeli zum Vorbild genommen, der es auch zu tun pflegte. Außer mit Politik befaßte er sich auch mit Philosophie. Er war Rektor an mehreren Universitäten des Vereinigten Königreiches. Aus diesen beiden Gebieten, aus großer Weltpolitik und einem edlen philosophisch-religiösen und ethisch-humanistischen System, ist sein Zionismus entstanden- Wie viele Male sagte er uns: Nennet mich nicht Freund und Gönner des Zionismus, nennt mich Zionist! Hier sind so viele gute und schlechte Kommentare zur Balfour-Deklaration gemacht worden. Man lese doch seinen eigenen Kommentar! Was er über den Zionismus dachte, hat er ja in seiner großen Einleitung zu meinem Buche „Die Geschichte des Zionismus" niedergeschrieben. Wenn Ihr diesen einzig authentischen Kommentar lest, werdet Ihr sehen., daß Balfour von Anfang an auf dem Standpunkt eines großen Zionismus stand. Es gab für ihn keinen kleinen Zionismus. Er hat dasselbe Ziel wie Herzl erstrebt,, und wie Herzl wollte er den Weg der Entwicklung, das unaufhörliche Wachstum, die politische Weisheit und die Ausdauer, und ich darf ihn daher den nichtjüdischen Herzl nennen. Er hat sich ewige Bürgerrechte im jüdischen Volke erworben. Er war für die Menschheit ein Vorbild, ein Wanderer Gottes, und da wir Sterbliche bestimmt sind, gleich ihm zu vergehen, können wir nichts anderes tun, als es weiterzureichen an kommende Geschlechter zur dauernden Erbauung: Er ist ein Mensch gewesen in des Wortes edelster Bedeutung und deshalb ist er ein Zionist gewesen. Ich erwähne nun einen anderen Verlust, der nie wieder gutgemacht werden kann, den wir durch den Tod von Louis Marshall erlitten haben (Die Zuhörer erheben sich). Marshall starb keinen tragischen Tod, er starb in Pracht, Schönheit und Erhabenheit, auf der Schwelle einer neuen Epoche seiner Arbeit. Er war ein ganzer Jude, dessen Werk dem amerikanischen Judentum zur Ehre gereichen wird, dem nichts Jüdisches fremd war. Nur eines fehlte, das Pünktchen auf dem i, ohne das alles andere unvollständig bleibt, wie wir Zionisten sagen. Es gibt berühmte Juden in der Welt, die nichts für ihr Volk übrig haben und deren Größe und Erfolg nur dem Haß und dem Neid gegen uns Nahrung bietet. Louis Marshall war einer der wenigen seines Kreises, die für ihr Volk schwer und treu arbeiten und auch andere zu dieser Arbeit veranlassen- Er war ein ausgezeichneter Führer. Das erkannten wir schon in Paris während der Friedenskonferenz, wo er Tag und Nacht mit unserer jüdischen Delegation arbeitete für das Los und die Zukunft der Juden in der Welt. Und schließlich kam auch das i-Tüpfelchen hinzu, und das war die Vervollkommnung. Diese jüdische Seele wurde am Ende durch die Sehnsucht nach Erez Israel ausgeglichen. Es war wie ein strahlender Sonnenaufgang, dieser Sonnenaufgang Louis Marshalls. Er kam und sprach zu uns — Sie erinnern sich: Alles Gefühl, alle Liebe in seinem Herzen brach hervor in .großer Ekstase für Erez Israel, bereit, mit ganzer Seele mitzuarbeiten an unserem Werk. Er kam über den Ozean mit dem Keim des Todes im Herzen. Seine Stimme, die mächtigste auf jener Jewish Agency-Versammlung, schallte wie eine Messias-Posaune! Und nach dem herrlichen Widduj, dem „Schwanen-